Doch das sind Szenarien für Sandkastenspiele. Selbst im Fall einer rechnerischen Mehrheit würde Schwarz-Blau aller Voraussicht nach an der FPÖ scheitern. Die Gründe liegen ausgerechnet in der ersten Auflage, die unter Wolfgang Schüssel und Jörg Haider im Februar 2000 geschmiedet wurde - und in den Ereignissen, die 2005 zur Abspaltung der regierungswilligen BZÖ führten. Strache erbte zwar die Strukturen, aber eben auch den Schuldenberg, den Haider hinterließ. Aus Sicht der FPÖ arbeitete die Volkspartei damals aktiv an der Marginalisierung der Blauen mit. Das haben Strache und Co der ÖVP bis heute nicht vergessen.

Aus dieser politischen Nahtod-Erfahrung hat die FPÖ für sich eine weitere Überzeugung gewonnen: Ja, die Partei will regieren; je früher, desto besser. Allerdings nur aus einer Position der Stärke heraus. Wenn deshalb die Freiheitlichen in eine Regierung gehen - sei es nach Wahlen oder eben in Form eines fliegenden Wechsels, dann wohl nur als Nummer eins. Warum auch sollte Strache nun Mitterlehner zum Kanzler krönen, wenn ein möglicher Wahlsieg der FPÖ bei den nächsten Wahlen so nah scheint. Der FPÖ-Obmann hat den Faktor Zeit auf seiner Seite, sind doch die beiden Regierungsparteien seit fast ewigen Zeiten seine besten Wahlhelfer. Und wie es aussieht, denken SPÖ und ÖVP nicht daran, ihren selbstmörderischen Zermürbungskrieg gegeneinander demnächst zu beenden. Ob sie es überhaupt könnten, steht auf einem anderen Blatt.

Ob ein fliegender Wechsel am Einspruch des Bundespräsidenten scheitern würde, ist schwer abzuschätzen, wahrscheinlich ist es nicht. Voraussetzung dafür ist allerdings eine stabile Mehrheit im Nationalrat. Die Erfahrungen der Regierungsbildungen zum Jahreswechsel 1999/2000 haben gezeigt, dass dabei der Bundespräsident nur bedingt Herr des Verfahrens ist, sofern ihm eine zum Regieren entschlossene Parlamentsmehrheit gegenübersteht. Das weiß der erfahrene Verfassungsjurist Heinz Fischer ganz genau.

Bleibt schließlich die letzte Hürde für eine Neuauflage von Schwarz-Blau: die Bereitschaft der ÖVP zum Wechsel.

Unter Mitterlehner, der die ÖVP seit Herbst 2014 führt, hat sich die Partei auf die Suche nach ihren verschütteten liberalen Wurzeln gemacht. 2000 galt der Wirtschaftsflügel, insbesondere die Industriellenvereinigung, als Befürworter einer Koalition mit der FPÖ, davon kann heute keine Rede sein. Verantwortlich dafür sind zum einen die Erfahrungen aus Schwarz-Blau I, vor allem aber die Leidenschaft, mit der die Strache-FPÖ in der Sozialpolitik dem Linkspopulismus frönt. Inhaltlich größtes Hindernis bleibt aber wohl die Europapolitik, wo die Volkspartei einen integrativen Kurs fährt, während die Freiheitlichen die verbreitete EU-Skepsis vieler Bürger für sich zu instrumentalisieren versuchen. Der Bauernbund zählt ÖVP-intern ebenfalls zu den Kritikern einer Zusammenarbeit mit der FPÖ.

Kurz: Die Befürworter einer Neuauflage von Schwarz-Blau sind parteiintern momentan eher in der Minderheit. Immerhin darin sind sich ÖVP und FPÖ einig.