Wien. Frank Stronach war einmal ein angesehener Mann in Österreich. Die Leute waren stolz, dass er als junger Mann mittellos aus Weiz in die Welt hinaus zog und ein Milliardenimperium aufbaute. Mittlerweile wurde aus der Respektperson eine Witzfigur, die niemand mehr ernst nimmt. Bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls verabscheut.

Zu verdanken hat das Frank Stronach der Politik. Natürlich ist er über sich selbst, sein Ego und seinen Ehrgeiz, gestolpert. Aber die ungeheure Fallhöhe - vom Wirtschaftsolymp hinab zur Spottfigur für jedermann - war nur durch die besonderen Gesetzmäßigkeiten möglich, die hierzulande das politische Geschäft bestimmen. Natürlich ist Mitleid keine politische Kategorie - schon gar nicht, wenn es einen Selfmade-Milliardär trifft, dessen Selbstbewusstsein mit seinem Vermögen locker Schritt gehalten hat. Das mit dem Mitleid stimmt wahrscheinlich zu Recht sogar, aber ganz sicher sollte man sich da nicht sein. Zu hilflos stolperte der alte Mann seit seiner Ankündigung im August 2012, eine eigene Partei gründen zu wollen, durch die innenpolitische Szenerie der Alpenrepublik.

Dabei ist die Karriere des Politikers Stronach eine einzige Serie von Missverständnissen. Doch entgegen der Überzeugung und nordamerikanischen Lebenserfahrung des 82-Jährigen handelt es sich bei der heimischen Politik eben nicht um eine Fortsetzung der Wirtschaft mit anderen Mitteln. Diese simple Tatsache hat Stronach nie wahrhaben wollen. Trotz unzähliger Einflüsterer und Berater aus der hiesigen Szene.

Um in der Politik die Chance auf nachhaltigen Erfolg zu haben, braucht es mehr als nur das ausreichende Startkapital, vor allem, wenn allenfalls zweifelhaft beleumundete Glücksritter und Egomanen das personelle Gerüst des politischen Start-ups bilden. Und schon gar nicht genügt es, einfach nur willkürlich so vage Begriffe wie "Wahrheit, Transparenz und Fairness" unermüdlich zu wiederholen - und zu glauben, dies reiche als Ersatz für das ideologische Fundament einer Partei.

Es reichte nicht einmal im Ansatz. Aus dem Steirer war ein waschechter Amerikaner geworden, der wie ein solcher dachte, redete und handelte. Alles Österreichische an Stronach war Inszenierung. Jenseits des Atlantiks gehören Superlative und die Devise "Wer das Gold hat, macht die Regeln" zum selbstverständlichen Inventar. Hierzulande macht man sich damit entweder zum kapitalistischen Feindbild oder lächerlich. Stronach ist beides gleichzeitig gelungen.

Und sein Scheitern wird Folgen haben. Die kolportierten 25 Millionen Euro, die er aus eigener Tasche in seine Parteiinvestierte - und von denen er angeblich noch 10 Millionen zurückhaben will - wird er zweifellos verschmerzen können. Es trifft schließlich keinen Armen. Nicht einmal die hochgerechnet fast 30 Millionen Euro, welche die diversen Partei-Ableger insgesamt an öffentlichen Förderungen bis zu ihrem endgültigen Ableben einstreifen, fallen wirklich ins Gewicht. Um in Stronachs so geliebter wirtschaftlicher Perspektive zu bleiben: Für die Steuerzahler hat sich das Investment in dieses Start-up eben als Pleite herausgestellt. Das kann passieren. Die Chancen, die in einem möglichen Erfolg liegen, lohnen das Risiko für die Bürger.

Stronachs politischer Totalschaden fügt sich auf seltsame Weise schlüssig in das Stillleben der heimischen wie europäischen Politik: Globalisierung und Individualisierung haben die Herrschaftsebenen nationaler Politik ausgehöhlt. Neue Regelungsebenen darunter und darüber sind erst im Entstehen. Das führt zu Frustration und Enttäuschung der Bürger angesichts uneinlösbarer Wohlstands- und Geborgenheitsversprechen. Dieser Frust mit dem System bietet neuen Parteien die Chance auf schnelle Erfolge. Allerdings verdeckt die Leichtigkeit des Markteintritts die dahinter lauernden Mühen der alltäglichen politischen Arbeit.

Das Team Stronach ist also Geschichte. SPÖ, ÖVP und FPÖ, in deren Wählerteich diese Sternschnuppe vorrangig wilderte, werden das Ende mit Zufriedenheit registrieren. An ihren Mängeln und Auslassungen, die den kurzen Erfolg Stronachs erst ermöglichten, ändert sich durch sein Verschwinden allerdings nichts. Und solange das so ist, werden hoffentlich andere kommen, um von den Versäumnissen zu profitieren versuchen. Die verstehen dann womöglich etwas weniger von der Wirtschaft, aber vielleicht ein bisschen mehr von Politik.