Papst Franziskus hat die schwerwiegende Entscheidung getroffen, keine Entscheidungen zu treffen. Das nachsynodale Schreiben "Amoris Laetitia - Über die Liebe in der Familie" ist der vorläufige Schlusspunkt eines drei Jahre dauernden Prozesses, in dem sich die katholische Kirche mühsam auf die Menschen zuzubewegen versucht. Der Papst enttäuscht darin diejenigen, die sich auf strittige Fragen wie den Umgang mit Homosexualität oder die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion klare Antworten erhofften.

Stattdessen öffnet er seiner Kirche einen viel größeren Raum: Franziskus stellt fest, dass nicht jede Diskussion über die Doktrin einer lehramtlichen Klärung bedarf. Dies bedeutet eine nur schwer wieder rückgängig zu machende Wende in der Haltung Roms. Fortan haben die Bischofskonferenzen die Zügel in der Hand, auch wenn es um die praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität geht. Das Schreiben "Über die Liebe in der Familie" bedeutet eine neue, ungewohnte Freiheit für die Kirche, mit der sie erst einmal zurechtkommen muss. Die Kirchenführung gibt ausdrücklich ihre Eigenschaft als letzte Kontrollinstanz in Sachen Sex aus der Hand.

In dieser neuen Freiheit verbirgt sich aber auch ein Dilemma: Franziskus hebt weiterhin die Einheit von Lehre und Praxis hervor, lässt aber gleichzeitig den verschiedenen Interpretationen der Lehre freien Lauf. Das Zerrbild von Normen und ihrer Befolgung könnte so künftig noch groteskere Formen annehmen. Die ehrliche Konsequenz aus "Amoris Laetitia" wäre deshalb eine Änderung der Lehre, also des Gebots der Unauflöslichkeit der Ehe. Zu diesem Wagnis fehlt aber auch diesem Papst der Mut.