- © Irma Tulek
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Am 25. August 1958 hielt Sir Karl Popper auf dem Forum Alpbach eine vielbeachtete Rede "Zum Thema Freiheit". Popper meinte ganz stolz, er sei ein altmodischer Philosoph, "der an eine völlig veraltete und überholte Philosophie glaubt": "Es ist die Philosophie eines längst vergangenen Zeitalters, des Zeitalters des Rationalismus und der Aufklärung." Wer Popper kannte, war nicht überrascht, Popper, das war Fleisch und Blut gewordene Aufklärung.

In seiner Rede in Alpbach erinnerte der am 1902 in Wien geborene und 1994 in London verstorbene Popper  an die Eckpfeiler des Denkens des Säulenheiligen der Philosophie der Aufklärung, Immanuel Kant: Gedankenfreiheit. Religiöse Freiheit. Respekt vor Andersdenkenden. Freie Meinungsbildung. Öffentlicher Verstandesgebrauch.

Der österreichisch-britischer Philosoph Popper, der mit seinen Arbeiten zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zur Sozial- und Geschichtsphilosophie sowie zur politischen Philosophie den kritischen Rationalismus begründete, beschwor in seiner Alpbach-Rede vor 58 Jahren nichts geringeres als den Geist der Aufklärung selbst. Und diese Aufklärung ist heute, im August 2016, in jenen Wochen, da im Denkerdorf Alpbach sich auch heuer wieder die Intelligenzija versammelt, in der Defensive.

Aufklärung in der Defensive

Längst leben wir im Zeitalter der Post-Wahrheit, wo es längst nicht mehr darum geht, ob eine Behauptung auf gesicherten Fakten basiert oder als infame Lüge in die Welt gesetzt wurde und wo der Unterschied zwischen virtuell und real mehr und mehr verschwimmt. Die Freiheit ist in Gefahr und wir erleben, wie fließend der Übergang vom demokratischen Rechtsstaat zur Diktatur geworden ist. Die Feinde der offenen Gesellschaft, gegen die Popper sich Zeit seines Lebens stellte, sind nach dem vermeintlichen Siegeszug der Demokratie nach den Wendejahren 1989 in wieder auf dem Vormarsch: Der ungarische Premier Viktor Orbán wirbt für die "illiberale Demokratie". Jarosław Kaczyński, nationalkonservativer Strippenzieher hinter Premierministerin Beata Szydło, zerschlägt das Verfassungsgefüge des osteuropäischen Landes und verhöhnt Brüssel, während er gleichzeitig Fördergelder nimmt und sich über die Remissionen polnischer Arbeitnehmer freut, die heute dank der Personenfreizügigkeit überall in der EU arbeiten dürfen. Der Putschversuch der Militärs in der Türkei liefert dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip  Erdoğan den Vorwand, die ohnehin schwache demokratische Infrastruktur des Landes zu demontieren und er lässt  Abgeordnete, Journalisten, Lehrer, Richter und Soldaten als Putschisten, Verräter und Terroristen verfolgen, obwohl viele von ihnen Erdoğan politisch im Weg stehen. Russlands Wladimir Putin sei überhaupt "zum Vorbild all jener geworden, die von einem homogenen Volk mit starkem Führer träumen, weil ihnen die freie Welt mit ihren vielen Meinungen, ihrer Toleranz und ihren Kompromissen zu kompliziert und bunt geworden ist", schrieb unlängst Stefan Ulrich in der "Süddeutschen Zeitung". Und im "Land of the Free", den USA, ist der Verbalradikalinski Donald Trump Spitzenkandidat für den Präsidentschaftswahlkampf, ein grober Mann fürs Grobe, der die liberalen Europäer für Weicheier hält, sich stattdessen eher Putin verbunden fühlt und gegen Muslime und Mexikaner hetzt.

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Diese neuen Verführer und Führer von Orbán bis Trump und von Marine LePen bis Heinz-Christian Strache verkaufen sich als die wahren Vertreter des Volkes, der einfachen Menschen, sie präsentieren sich als ihre Verbündeten: Gegen die kosmopolitischen Eliten, gegen korrupte Politiker und deren Lakaien von der Lügenpresse. Sie reiten die Welle der Anti-Aufklärung, die gegenwärtig über die westliche Welt schwappt.

Die Gottes-Renaissance

Die Religion, die die Aufklärer zurückdrängen wollten, erlebt eine Renaissance: In der Türkei werden die letzten Reste des laizistisch-kemalistischen Staates von Erdoğan beerdigt, in Russland stützt Putin sich – wie einst die Zaren – auch auf die nach dem Ende des Kommunismus wiederauferstandene Macht der orthodoxen Kirche. Und im Nahen Osten ist zu besichtigen, was passiert, wenn fanatische Sektierer in ihrem Gottesfuror verrücktspielen und dabei gar nicht merken, dass sie letztlich doch nur die nützlichen Idioten für die zynischen Machtinteressen verbrecherischer Strippenzieher sind.

Diskurskultur ist im Zeitalter von Twitter & Facebook zum bloßen Wunschdenken verkommen, Respekt vor Andersdenkenden dem Wutbürger fremd. Der von Kant eingemahnte öffentliche Gebrauch des Verstandes wurde von den Brexiteers  Nigel Farage, dem damaligen Parteichef der EU-Austrittspartei UKIP (UK Independence Party) und dem damaligen Tory-Justizminister Michael Gove desavouiert: In einem Interview mit dem Fernsehsender "Sky-News" vor dem Referendum am 23. Juni sagte Gove: "Die Menschen haben genug von den Experten", so als könnte jeder Leser der dümmlichen Boulevard-Zeitung "The Sun" die wirtschaftlichen Folgen des Brexit ebenso beurteilen, wie die erfahrensten und prominentesten Ökonomen des Landes. Nun droht Großbritannien wegen des Brexit in eine schlimme Rezession zu schlittern, ganz so, wie es die bespöttelten Experten für den Fall eines EU-Austritts vorausgesehen haben. Ironie am Rande: Gove wurde der Brexit übrigens später zum Verhängnis, er gehört der neuen Regierung von Theresa May nicht mehr an und Farage hat nach dem Brexit-Referendum seinen Rücktritt als UKIP-Chef angekündigt, sitzt aber weiter im Europa-Parlament, das er eigentlich abschaffen will.

 Eine kurze Geschichte der Aufklärung

Im Jahr 1691 wurde der Ausdruck "Aufklärung des Verstandes" erstmals in den Schriften verzeichnet. Die Aufklärung, ein meteorologisches Ereignis des Geistes: Der Himmel klart morgens auf, die nächtliche Dunkelheit wird vertrieben und genauso soll auch der menschliche Verstand erhellt werden. "Aufklärung" ist eine vernunftorientierte Kampfidee gegen "dunkle" Vorstellungen, die alles wie in einem Nebel oder Schattenreich verschwimmen lassen. "Sie richtet sich gegen Aberglaube und Schwärmerei, Vorurteile und Fanatismus, Borniertheit und Phantasterei", schreibt Manfred Geier in seinem Buch: "Aufklärung – das europäische Projekt". Mündige Menschen sollen nach dem Willen der Aufklärer selbst Denken und sich emanzipieren. Historiker bezeichnen die Epoche von 1689, dem Jahr der Glorreichen Revolution in England und 1789, der Revolution in Frankreich, als das "Jahrhundert der Aufklärung".  Und dass dieses Jahrhundert von zwei Revolutionen gleichsam eingerahmt wird, ist zweifellos kein Zufall.