Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die chinesische Regierung, Meister der subtilen Propaganda, scheint ein altes Rezept des Philosophen und Militärstrategen Sun Tse aus dem 6. Jahrhundert vor Christus neu zu adaptieren, um abweichende Meinungen im Internet zu bändigen: Die beste Strategie ist demnach nicht, Kritiker direkt anzugehen, sondern sie einzulullen oder abzulenken mit einer Flut von guten Nachrichten. Zu diesem Schluss kommt ein Beitrag in der "American Political Science Review" darüber, wie die chinesische Regierung zur Ablenkung Postings in den sozialen Medien fabriziert. Die Auseinandersetzung über Fakten funktioniert oft nicht, denn Konfrontation erzeugt häufig noch mehr Widerstand. In der genannten Untersuchung von der University California, San Diego geht es um China. Relevant ist sie aber auch für die USA im Zeitalter von Donald Trump, denn gerade seine Anhänger scheinen für Fakten unzugänglich zu sein. Sie bleiben ihm weiter treu, trotz mangelnder legislativer Leistungen und Trumps impulsivem, oft als unethisch eingestuftem Handeln.

Um eine ähnliche Frage wie in der Studie über China geht es in einer Arbeit von Christopher Graves, einem ehemaligen PR-Manager, der heute Verhaltensforscher ist. Erschienen ist der Artikel über die Grenzen sachlicher Argumente 2016 in der Harvard Business Review: "When Saying Something Nice Is the Only Way to Change Someone’s Mind." Trumps Kritiker haben das offenbar noch nicht verstanden: Er wiegelt mit seinen Aussagen auf, seine Gegner gehen empört auf die Barrikaden und seine Anhänger applaudieren. Und das geht immer so weiter.

Weltweit am aktivsten in Sachen Social Media dürfte China sein. In der eingangs erwähnten Studie von Gary King, Jennifer Pan und Margaret Roberts wird die Frage untersucht, ob China tatsächlich mehr als eine Million Internetkommentatoren einsetzt, um Kritik am Regime zu bekämpfen. 43.757 Postings wurden untersucht. Von Streitlust tatsächlich kaum eine Spur. Rund 80 Prozent war reines Cheerleading für die chinesische Regierung, weitere 14 Prozent Lob und Anregungen. So gut wie kein direkter Angriff. Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Das chinesische Gebot scheint zu lauten: "Lass dich nicht auf Streitfragen ein." Sieht so aus, als würden die Parteipropagandisten einen berühmten Ausspruch des Strategen Sun Tse anwenden: "Die höchste Kriegskunst ist, den Feind ohne Kampf zu überwinden." Die Forscher der universitätsübergreifenden Untersuchung kommen zu folgendem Schluss: "Auf ein Argument einfach nicht einzugehen oder das Thema zu wechseln, funktioniert meist viel besser, als es aufzugreifen." Was passiert, wenn wir uns nicht daran halten und politische Gegner direkt angreifen? Beweise, dass etwas falsch ist, können überwältigend wirken, wenn sie bestehende Überzeugungen bestätigen. Widersprechen sie den bisherigen Überzeugungen jedoch, funktioniert das nicht, denn diese werden durch Angriffe normalerweise verstärkt. Wird eine politische Aussage oft genug wiederholt, unterstützt von einem Chor von Cheerleadern, ist es sehr schwierig, sie direkt zu widerlegen.

Übersetzung: Hilde Weiss