Wie alle traditionellen Volksparteien hat auch die SPÖ damit zu kämpfen, extrem unterschiedliche Milieus - Arbeiter, Intellektuelle, Senioren, Industriearbeiter, Selbständige, Migranten - zu integrieren. Bisher geschieht das zur Hauptsache über die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Doch das funktioniert zunehmend weniger, weil stärker Identitätsfragen in den Fokus rücken. Identität sei schon wichtig, findet Maltschnig, "aber dieses Thema überdeckt zum Teil die realen Lebensverhältnisse. Wir unterschätzen zu oft, was es für die Menschen bedeutet, wenn sie sich keine Wohnung leisten können."

Doch was, wenn die Sprachwissenschafterin Elisabeth Wehling doch recht hat mit ihrer These, dass Politik die Menschen moralisch-emotional auf der Grundlage ihrer Werte ansprechen müsse, um erfolgreich zu sein? "Wenn das bedeutet", so Maltschnig, "die Herzen anzusprechen, kann ich zustimmen." Das passe dann auch zu den Grundwerten der Sozialdemokratie: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Das Dilemma ist, dass jeder etwas anderes darunter versteht, auch in der SPÖ. Mit wem bin ich solidarisch: Mit den Flüchtlingen aus Afrika oder den Langzeitarbeitslosen aus Österreich? Was bedeutet Gerechtigkeit, was Freiheit in einer globalisierten Welt?

Sich darüber zu verständigen, sei tatsächlich schwierig, die Schuld dafür sieht die Chefin des roten Thinktanks aber bei "rechtspopulistischen Parteien wie der FPÖ und jetzt auch der ÖVP: Denen wird es zu einfach gemacht, die Zuwanderer für alle Probleme verantwortlich zu machen." Wo steht die SPÖ bei diesem großen Streitthema: Darf ein Sozialdemokrat der Meinung "je weniger Zuwanderung, desto besser" sein? Oder verstößt dies gegen die Grundsätze der SPÖ? Langes Hin und Her, einerseits und andererseits. Schließlich antwortet Maltschnig so: "Ich finde es nicht legitim, auf die Frage nach Zuwanderung eine Ja- oder Nein-Antwort zu fordern, das geht nur differenziert." Das kann man so sehen.

Der Glaube an den sozialen Fortschritt soll, neben der Politik für die 95 Prozent, ein weiterer Kitt der SPÖ sein. Aber ist es nicht so, dass wir als Gesellschaft insgesamt die Fähigkeit verloren haben, uns die Zukunft in einem positiven Licht vorzustellen? Stattdessen fürchten wir überall nur kommende Verschlechterungen? "Die Sozialdemokratie taugt nicht zum Pessimismus, das passt nicht zusammen", hält Maltschnig, Jahrgang 1985, kategorisch fest. "Ich finde aber, die Zukunft schaut gar nicht so schlecht aus: Die Menschheit hat unglaubliche Fortschritte erreicht, in der Technik, der Medizin, bei der Bildung, und die Globalisierung hat dazu beigetragen. Wir müssen aber dafür sorgen, dass Wohlstandsgewinne allen zugutekommen."

Und wie wichtig ist ein guter Gegner für den Zusammenhalt? Momentan könnte man glauben, die Aussicht darauf, dass die FPÖ als Gegner wegfällt, führe zum Aufbrechen etlicher Gräben in der Partei. Für Maltschnig ein Fehlglaube: "Ich habe nicht den Eindruck, dass uns die FPÖ als Gegner abhandenkommt." Und Rot-Blau im Burgenland, einer - laut SPÖ Burgenland, sehr erfolgreichen Koalition, was wiederum der Wiener SPÖ gar nicht gefällt? Der Umgang mit der FPÖ sei jedenfalls eine Herausforderung, aber keine unlösbare, denn es gebe "zumindest eine offene Gesprächskultur". Möglich. Und womöglich sogar eine zu offene angesichts der Appelle des scheidenden Wiener Bürgermeisters an seine eigene Partei.