Tunesiens Frauen haben schon lange viele Rechte

Regelmäßig protestiert Chemengui deshalb mit Künstlerinnen, Theatermacherinnen und Frauenrechtlerinnen auf dem Kasbah, dem Platz der Revolution, oder auf der Flaniermeile Avenue Bourghuiba im Zentrum von Tunis. "Frauen gleich Männer" schreiben sie mit schwarzer Farbe und in großen Buchstaben auf Plakate und "Rechte und Pflichten gleich Demokratie".

Tatsächlich hat kein arabisches Land so fortschrittliche Frauenrechte wie Tunesien. Schon der erste Präsident nach der französischen Protektoratszeit, Habib Bourguiba, setzte im Jahr 1956 Radikales durch: Er untersagte die Vielweiberei, verlangte die Zustimmung der Frau zu einer Hochzeit und machte die Scheidung zu einem zivilrechtlichen Vorgang, sodass ein Mann seine Frau nicht mehr nach islamischem Recht verstoßen konnte. Wenig später durften die Tunesierinnen als erste Frauen in der arabischen Welt an Wahlen teilnehmen. Es war ein dekretierter Fortschritt, aber er ist weithin in der Gesellschaft akzeptiert. Und er ist zu einem kulturellen Fundament geworden, auf dem die islamische Demokratie in Tunesien aufbauen muss.

Mit der Revolution haben tunesische Frauen sogar ein Recht erhalten, das ihnen wohl selbst in keinem westlichen Staat garantiert ist: Das Übergangsparlament sicherte eine strikte 50-Prozent-Quote für die Wahllisten. Wie bei den deutschen Grünen gilt in Tunesien eine rigorose Geschlechterparität: Mann, Frau, Mann, Frau. Sogar die islamische Ennahda unterstützte die Reform. In der verfassungsgebenden Versammlung gehören 42 der 49 Frauen der Ennahda an. Die erste islamische Demokratie ist also weiblicher als die europäischen Demokratien.

Nur eine letzte große Bastion der islamischen Orthodoxie existiert weiterhin: das Erbrecht, dem zufolge Männer doppelt so viel erhalten wie Frauen.

"Keine Frau", sagt Ghannouchi auf feinstem Hocharabisch, "soll zum Tragen eines Schleiers verpflichtet werden." Natürlich versteht er Englisch, antwortet aber auf Hocharabisch und lässt übersetzen. So handhabt er es seit Jahren seine Interviews. Man kann es als ein selbstbewusstes Zeichen für die arabischen Traditionen Tunesiens deuten. Es ist eine der Stärken der Islamisten, urteilen politische Beobachter, dass sie die kulturellen Wurzeln pflegen, weshalb viele Wähler, vor allem auf dem Land, für die Ennahda-Partei gestimmt haben.

Ghannouchi spricht sich gegen die Scharia aus

Fragt man Ghannouchi, welche Rolle die Religion künftig in Tunesien spielen wird, so lautet seine Antwort: "Die Religion ist eine private Angelegenheit." Auch die Scharia gehöre nicht in das politische Tagesgeschäft. "Wir wollen ein demokratisches System einführen, das die Regeln der Demokratie und die islamischen Werte berücksichtigt", sagt Ghannouchi. Da sei der Gedanke der Wohlfahrt, des "zakat". Im Islam müssten Reiche einen Teil ihres Einkommens an Bedürftige spenden. Das vorherige Regime habe den "zakat" verboten. Man wolle diese Werte jetzt in die Sozialpolitik einbinden. Folgt man Ghannouchis Ausführungen über den "zakat", darf man annehmen, dass in der künftigen tunesischen Verfassung mehr "soziale" Rechte stehen werden als in den europäischen Verfassungen.

Und doch offenbart ein Blick ins Parteiprogramm, dass die größte Sorge der Ennahda weniger der Religion als der Wirtschaft gilt: Die längsten Abschnitte behandeln die Themen Wirtschaft, Korruption und Arbeitsplätze. Und die erste Pressekonferenz nach dem Wahlerfolg widmete die Ennahda nicht der Religion, sondern dem Tourismus. Weder will sie Bikinis verbieten noch Alkohol an den Strandbars.

"Im Ausland vergisst man manchmal", sagt der eloquente Ennahda-Politiker Samir Dilou, "dass unsere Partei nicht in den Höhlen von Tora Bora gegründet wurde." Die Ennahda, so wiederholen deren Politiker gerne, sei nicht viel anders als die christlichen Parteien in Westeuropa oder die türkische AKP, die wirtschaftsliberal, wertkonservativ und vor allem erfolgreich ist.

Tatsächlich fällt der Name des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan häufig, wenn man in diesen Wochen mit tunesischen Politikern, Juristen oder Managern spricht. Es ist eine Botschaft, die man mitnimmt: Tunesien orientiert sich an der Türkei, dem Erfolgsmodell einer Demokratie in einem islamischen Land.

Noch sieht man in Tunis mancherorts Spuren der Jasmin-Revolution: Slogans wie "Go out" und "Liberta" prangen auf den Mauern, auch Graffiti mit dem durchkreuzten Konterfei des mittlerweile gestürzten Diktators Ben Ali. Manche Botschaften und Ministerien sind von Panzerdraht umzäunt. Militärwagen stehen vor Kirchen und öffentlichen Gebäuden. So museal manche Spuren wirken, sie täuschen darüber hinweg, dass in den Institutionen teilweise noch die Gefolgsleute des alten Regimes sitzen.

Die Revolution könnte von Neuem beginnen

Um die Revolution zu vollenden, haben sogar säkulare Wähler die Ennahda gewählt. Wie die Bloggerin Hajer Mtiri, die nicht religiös ist und niemals ein Kopftuch tragen will. Es war eine rein pragmatische Entscheidung, sagt sie. Sie sieht in den moderaten Islamisten die besten Garanten für die junge Demokratie. Niemand habe mehr unter der Diktatur gelitten als die Gefolgsleute um Ghannouchi. "Wenn uns die Ennahda jedoch unsere Freiheiten wieder nehmen will", sagt Mtiri, "dann gehen wir auf die Straße." Dann könnte die Revolution von Neuem beginnen.