Damaskus/Istanbul/Washington. Drei Tage nach den mutmaßlichen Giftgasangriffen in Syrien gerät das Regime in Damaskus massiv unter Druck. In den USA wird über ein Eingreifen diskutiert. Die Flottenpräsenz der US-Marine im östlichen Mittelmeer sei verstärkt worden, berichtete der Nachrichtensender CNN. Ein Zerstörer sei zu den drei dort kreuzenden Schiffen gestoßen. Die Schiffe seien mit Marschflugkörpern bewaffnet.

Die Vereinten Nationen schickten die Hohe Repräsentantin für Abrüstung, Angela Kane, nach Damaskus. Sie soll für die UNO-Chemiewaffeninspektoren, die sich nach früheren, gegenseitigen C-Waffen-Vorwürfen bereits im Land befinden, einen Zugang zu den angeblich bombardierten Dörfern aushandeln. Bisher wurde den Experten mit Hinweis auf die andauernden Kämpfe von der Regierung nicht erlaubt, die betroffenen Bezirke zu besuchen.

Assad-Regime bestritt Giftgaseinsatz zunächst
Das Regime von Präsident Bashar al-Assad hatte den Einsatz von Giftgas am vergangenen Mittwoch zunächst bestritten, nachdem Rebellen Videoaufnahmen verbreitet hatten, die Opfer von Giftgasattacken in mehreren Dörfern zeigen sollen. Der französische Außenminister Laurent Fabius sagte dagegen: "Alle Informationen, die uns momentan zur Verfügung stehen, deuten darauf hin, dass in Syrien unweit von Damaskus ein Massaker mit chemischen Waffen stattgefunden hat, und dass das Regime von Bashar al-Assad dahinter steckt."

Am Samstag hieß es dann vonseiten des Regimes, die Rebellen hätten offensichtlich im Nordosten der Hauptstadt Giftgas eingesetzt. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, mehrere Soldaten hätten bei ihrem Vormarsch in das Viertel Jobar in einem Tunnel Erstickungsanfälle erlitten.

Der Allgemeine Rat für die Revolution berichtete am Samstag von neuen Kämpfen und Luftangriffen in mehreren Gebieten im Umland von Damaskus. Die Exil-Opposition hatte zuvor erklärt, sie wolle dafür sorgen, dass die UNO-Inspektoren bei einem Besuch der betroffenen Ortschaften im Osten und Süden der Hauptstadt nichts von den Rebellen zu befürchten hätten.

Nur drei Orte durften untersucht werden
Das UNO-Team hatte nach langwierigen Verhandlungen der Vereinten Nationen mit der syrischen Regierung lediglich die Erlaubnis erhalten, drei Orte zu untersuchen, in denen vor Monaten Giftgas eingesetzt worden sein soll: Khan al-Asal in der Provinz Aleppo, Al-Ateibe in der Provinz Damaskus-Land und die Stadt Homs. Die Assad-Regierung und die Rebellen werfen sich seit einigen Monaten immer wieder gegenseitig den Einsatz chemischer Kampfstoffe vor.

Der Schweizer Chemiewaffenexperte Stefan Mogl erklärte im Deutschlandradio Kultur, die UNO-Inspektoren hätten nur wenige Tage Zeit, um einen Einsatz von Nervengas im Blut und Urin der Opfer zweifelsfrei nachzuweisen. Im Boden ließen sich Spuren von Kampfstoffen auch noch später finden. Die Symptome wiesen auf einen Nervenkampfstoff hin, doch die Bilder ließen keinen Rückschluss auf Ort und Opfer zu.

Das US-Militär geht nach einem Bericht des Nachrichtensenders CNN seine Optionen für ein Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg durch. Ein Beamter des Verteidigungsministeriums erklärte dem Sender, die Liste von Zielen für mögliche Luftangriffe sei aktualisiert worden. Die Planungen würden die Verwendung von Marschflugkörpern einschließen.

Auch der US-Sender CBS berichtete von Pentagon-Planungen für einen Cruise-Missile-Angriff auf die Regierungstruppen. Es werde erwartet, dass US-Generalstabschef Martin Dempsey Optionen für einen Angriff vorlegen werde, hieß es bei CBS weiter. Eine Entscheidung von Präsident Barack Obama steht aber noch aus. Obama hatte am Freitag zu den Giftgasvorwürfen erklärt: "Das berührt langsam Kerninteressen der USA." Zugleich äußerte er "große Sorge".

Obama will noch am Samstag (Ortszeit) im Weißen Haus mit seinen Beratern im Nationalen Sicherheitsrat die jüngsten Berichte über den Einsatz von Giftgas durch das syrische Regime erörtern. Obama war bisher zurückhaltend zu einem Eingreifen in Syrien. Vor einem Jahr erklärte er allerdings C-Waffen zur "Roten Linie" für die USA. Nun steht er unter Zugzwang. "Wir haben eine Reihe vorhandener Optionen", hieß es aus dem Weißen Haus.

Am Sonntag kommen in der jordanischen Hauptstadt Amman Dempsey und die Generalstabschefs aus Saudi-Arabien, Katar, der Türkei sowie aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada zusammen. Auch dabei steht Syrien im Mittelpunkt.