Aleppo. Das Viertel Huraitan erscheint wie über Nacht aus dem Boden geschossen zu sein. Gut ein Drittel der Häuser hier sind Rohbauten. Vor dem Krieg war es ein Trend-Viertel. Die reichen Bewohner aus dem Zentrum Aleppos haben hier ihre Ferienwohnungen und Häuser gebaut. Nun ist der überwiegende Teil des Viertels eine Geisterstadt. Fast jedes Haus weist Kriegsschäden auf. Eingestürzte Dächer, klaffende Löcher in den Hausmauern und Fassaden. Der allgegenwärtige feine Staub aus den Ruinen, aufgewirbelt vom Wind, kratzt in den Augen und in der Nase.

Aus einem schmalen Fenster einer unauffälligen Garage strecken sich hastig ein paar Hände ins Licht. Ein kleiner Lkw wird gerade beladen. "Bitte keine Fotos von draußen", heißt es. Wir befinden uns bei einem Geheimlager für Lebensmittel. Es ist Nachmittag und die Sommersonne strahlt gnadenlos vom Himmel herab. "Wenn dieses Lager jemand entdeckt, würde es keine Stunde dauern und es wäre geplündert", sagt Ahmad. Viel zu plündern gäbe es ohnehin nicht, es liegen nur ein paar Reissäcke vom UN World Food Programme in der hinteren Ecke des Lagers herum.

"Unser geliebtes Huraitan"

Ahmad as Saleh ist Mitglied des Syrian Team for Progress and Prosperity - einer Hilfsorganisation, die vor eineinhalb Jahren von den Studenten Majad und Wasim Radwan gegründet wurde. Das Ziel der NGO ist es, den ärmsten Bewohnern in der nordwestlichen Umgebung von Aleppo Nahrungsmittel und medizinische Versorgung unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, sowie ein Bildungsprojekt für Hauptschulkinder anzubieten. Dafür haben Majad, Wasim und Ahmad ihre vorteilhaften Arbeitsstellen in den Verwaltungsstrukturen des syrischen Regimes aufgegeben und sich dem Aufstand gegen Bashar al-Assad angeschlossen. "Als wir die Organisation gegründet haben, wollten wir beweisen, dass wir in der Lage sind, uns selbst zu verwalten - ohne die öffentlichen Strukturen des Assad-Regimes. Viele Leute in Syrien leiden aber am Stockholmsyndrom und glauben nicht daran, dass ein Syrien ohne den Assad-Clan möglich ist", sagt Wasim.

Als der arabische Frühling in Tunesien im Jahr 2011 begonnen hatte, wusste Majad, dass der Aufstand bald auch nach Syrien kommen wird. Und es hat dann nicht lange gedauert, bis die Menschen auch in Syrien nach den Freitagsgebeten auf die Straße gingen. In dieser Atmosphäre begann Majad politische Texte zu verfassen, in denen er kritisierte, was im Land unter Assads Herrschaft falsch läuft. Er verbreitete sie unter seinen Freunden - zu einer Zeit, als die Geheimdienste in Syrien noch alle Fäden in der Hand hielten. Als der friedliche Protest in einen bewaffneten Aufstand umschlug, entschied sich Majad, als Lokalreporter tätig zu werden. Er erstellte eine Facebook-Seite, auf der er regelmäßig über die Ereignisse in seinem Heimatviertel Huraitan postete. Nachdem der Konflikt andauerte und immer härter wurde, schlug ihm sein Cousin Wasim vor, eine humanitäre Hilfsorganisation zu gründen.

Mit bescheidenen Mitteln riefen die beiden das Projekt "Our beloved Huraitan" ins Leben. Sie mussten es bald wieder aufgeben, denn nur eine Woche darauf hatten Regimetruppen das ehemalige Nobelviertel besetzt. Nachdem die Freie Syrische Armee zusammen mit den radikalen Islamisten Assads Truppen aus dem Viertel verdrängt hatte, bauten Majad, Wasim und Ahmad auf ihren vorher entstandenen Strukturen das "Syrian Team for Progress and Prosperity" auf.

Mittlerweile hat sich der politische Wind gedreht. Immer mehr Kämpfer verlassen die Reihen der Rebellen in Austausch für eine Amnestie und einen sicheren Rückzug in die vom Regime kontrollierten Territorien. Jene Aufständischen, die jetzt noch kämpfen, radikalisieren sich zunehmend. "Ich habe früher überzeugt für die Revolution gekämpft, aber jetzt denke ich, wir haben verloren, wofür wir gekämpft haben", sagt ein amnestierter Kämpfer. "Ich bin aus Raqqa und meine Heimatstadt wird jetzt von radikalen Islamisten beherrscht. Meine Familie hat sich in die Regierungsterritorien abgesetzt. Dort ist es sicherer für sie. Assad ist furchtbar, aber die Alternative ist schlimmer."

Der Journalist und Helfer Majad will dennoch nicht an die Versprechungen des Regimes glauben. "Die Assad-Regierung ist sehr böse", sagt er. "Ich denke, dass jeder junge Mann, der aus den befreiten Gebieten in die vom Regime kontrollierten Territorien gehen würde, ins Gefängnis müsste oder gar getötet werden würde." Wasim und Ahmad schließen sich dieser Meinung an: "Unsere Namen stehen irgendwo auf einer schwarzen Liste, an eine Amnestie für jeden zu glauben wäre naiv."

Während der Fahrt durch Huraitan erklärt mir Majad die Vergabekriterien für seine humanitäre Hilfe: "Es ist sehr kompliziert und mit viel Mühe verbunden, herauszufinden, wer wirklich hilfsbedürftig ist. Nicht nur wegen des Krieges. Auch, weil die Moral der Leute auf ein Minimum gesunken ist. Das erschwert unsere Arbeit. Es gibt Leute, die im humanitären Bereich arbeiten, weil sie dadurch in Machtpositionen kommen. Diese Leute verschwinden aber schnell von der Bildfläche, wenn es für sie ungemütlich wird", meint Majad.