Die Angst vor dem erwarteten Angriff auf das syrische Regime hat eine neue Flüchtlingswelle ausgelöst. Tausende Menschen haben ihre Häuser verlassen, binnen 24 Stunden überquerten etwa 10.000 Flüchtlinge die Grenze zum Libanon. Es handelt sich vor allem um Frauen und Kinder aus verschiedenen Vierteln von Damaskus. Andere Familien, insbesondere regimetreue, suchen derweil Zuflucht in der syrischen Hauptstadt. Für Verunsicherung sorgen Berichte der syrischen Opposition, dass das Regime demnächst Giftgas-Angriffe auf christliche Vororte von Damaskus durchführen wolle. Die "Wiener Zeitung" hat mit der Syrien-Verantwortlichen der Hilfsorganisation World Vision gesprochen.

"Wiener Zeitung":Ein militärischer Schlag der USA und ihrer Verbündeten steht im Raum, welche konkreten Auswirkungen hat das auf die Flüchtlingsbewegungen in Syrien?

Conny Lenneberg: Es gibt Schätzungen aus Syrien, dass zusätzliche vier Millionen Menschen über die Grenzen flüchten werden. Ich bin permanent in Kontakt mit unseren Mitarbeitern in Syrien, alle sind höchst alarmiert wegen der jüngsten Eskalation. Die Menschen sind immens verunsichert. Sie fürchten sich vor Angriffen mit Chemiewaffen, sie wissen nicht, was zu erwarten ist, wenn weitere Akteure in den Krieg eingreifen.

Vier Millionen Menschen wollen allein wegen der drohenden Gefahr eines westlichen Militärschlags flüchten. Ist das nicht vor allem wegen der allgemeinen Situation in Syrien, die täglich schlechter wird?

Es ist die Einschätzung der Hilfsorganisationen in Syrien, mit denen wir Kontakt haben. Die sagen, durch die drohende Eskalation könnte es bis zu vier Millionen zusätzliche Flüchtlinge geben. Damit ist zu rechnen.

Wie ist die Situation für Hilfsorganisationen in Syrien? Ist ein Arbeiten angesichts des Bürgerkrieges überhaupt möglich?

Die Möglichkeiten, gewisse Regionen zu erreichen, sind limitiert. Die Situation ändert sich, je nachdem, wie sich der Konflikt ändert. "Ärzte ohne Grenzen" versucht, Medikamente zu verteilen, auch World Vision ist vertreten mit unserem syrischen Personal. Es gibt Regionen, wo wir hinkönnen, und solche, wo es nicht möglich ist.