Damaskus/Berlin/London. In syrischen Krankenhäusern herrschen drei Jahre nach Beginn des Aufstandes gegen Präsident Bashar al-Assad grauenhafte Zustände. In einem Bericht, den die internationale Hilfsorganisation Save the Children am Montag veröffentlichte, heißt es, in einigen Fällen seien Patienten mit Metallstangen vor Operationen bewusstlos geschlagen worden, weil die Ärzte keine Narkosemittel hatten.

Mediziner amputierten Kindern Gliedmaßen, weil ihnen die medizinische Ausrüstung für die Behandlung schwerer Verletzungen fehle. Neugeborene sterben in Brutkästen aufgrund von Stromausfällen.

"Reine Verzweiflungstaten"

In der umkämpften Großstadt Aleppo, wo für die Gesundheitsversorgung 2500 Ärzte benötigt würden, praktizierten derzeit nur noch 36 Ärzte. Diese Situation habe dazu geführt, dass verzweifelte Eltern ihren Kindern zum Teil selbst im Krankenhaus Infusionen verabreichten.

"Oft sind die medizinischen Maßnahmen, zu denen das Gesundheitspersonal greifen muss, um Kinderleben zu retten, reine Verzweiflungstaten", berichtete Kathrin Wieland, Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland.

Impfungen finden dem Bericht zufolge kaum oder gar nicht mehr statt. Ein alarmierendes Zeichen sei der Wiederausbruch von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Masern oder Polio. "Geschätzt 80.000 Kinder haben sich in Syrien bereits infiziert", heißt es in dem Bericht unter dem Titel "Ein verheerender Tribut".

Forderung nach UNO-Resolution

Die Organisation wies zudem darauf hin, dass wegen der mangelhaften Gesundheitsversorgung seit Beginn des Bürgerkrieges 2011 Tausende von Kindern an behandelbaren Krankheiten wie Asthma gestorben seien.

Save the Children forderte die sofortige Umsetzung der UNO-Resolution 2139. Diese verpflichtet die Bürgerkriegsparteien, Helfern Zugang zu allen belagerten Gebieten zu gewähren. Die Resolution sieht aber keine automatischen Sanktionen vor, falls sich die Regierung und die Rebellen nicht daran halten sollten.

Von der Versorgung abgeschnitten

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warf der Regierung in Damaskus gezielt Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Die Bewohner des Flüchtlingslagers Jarmuk bei Damaskus würden von den Regierungstruppen systematisch ausgehungert. Mindestens 128 Menschen seien dort bisher an Hunger gestorben. Die lebensnotwendige Versorgung mit Nahrung und Arznei sei abgeschnitten worden, heißt es in dem Bericht unter dem Titel "Das Leben aus Jarmuk herausquetschen", der am Montag in London vorgestellt wurde.

"Das Leben in Jarmuk ist zunehmend untragbar geworden für die verzweifelten Zivilisten, die hungern und in einer Abwärtsspirale des Leidens gefangen sind, ohne Möglichkeit zur Flucht", sagte Philip Luther, Direktor des Amnesty-Programmes für den Nahen Osten und Nordafrika. "Zivilisten werden wie Schachfiguren benutzt in einem tödlichen Spiel, über das sie selbst keine Kontrolle haben", sagte er. 60 Prozent der verbliebenen Menschen in der Stadt litten unter Mangelernährung.

Regierungstruppen hätten wiederholt zivile Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser und eine Moschee bombardiert. "Immer wieder eine dicht bevölkerte Gegend anzugreifen, wo die Zivilisten keine Möglichkeit zur Flucht haben, zeigt eine rücksichtslose Haltung und eine kaltschnäuzige Missachtung der grundlegendsten Prinzipien internationaler Menschenrechte", betonte Luther.