Linz. Musik in Moll und Dur - das war einmal. Heute wird in DNA komponiert. Auch wenn man noch nichts davon hören kann. So wird auch die "Musik der Sphären" der britischen Konzeptkünstlerin Charlotte Jarvis noch einige Jahren dauern, bis dessen Klänge die Ohrmuscheln der Neugierigen erreichen kann. Denn für ihr Projekt hat sie die südafrikanische Musikerin und Sängerin Mira Calix damit beauftragt, ein Stück zu komponieren – unter der Bedingung, dass es nie live gespielt werden sondern nur als Kopie in Form von DNA bestehen darf.

Musik in DNA gegossen - wie ist das möglich? Jarvis arbeitet bereits seit einigen Jahren mit den Strängen der Desoxyribonukleinsäure. Für ihr Projekt "Blighted by Kenning" (übersetz in etwa "Mit Wissen infiziert") wurde der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Genom einer Bakterie kodiert, um ihn dann während einer Performance nahe Den Haag als synthetische DNA auf Äpfel zu sprühen und zu essen. Für Jarvis ein politischer Akt, eine Absichtserklärung für Wissenschaft, gegen die Botschaft der Genesis gerichtet, dass zu viel Wissen gefährlich sei, sagt sie bei ihrem Vortrag im Rahmen der diesjährigen Ars Electronica in Linz.


Außerdem wolle sie ihren Konzepten Taten folgen lassen. "In den meisten Köpfen der Menschen dominiert ein negatives Bild von DNA. Dabei ist  DNA das natürlichste der Welt," sagt sie. Mit ihren Projekten soll den Menschen die Angst vor der Desoxyribonukleinsäure genommen und wissenschaftliche Ideen näher gebracht werden. Mehr noch: Jarvis sieht in der DNA den Schlüssel zur Veränderung der Welt, wie sie in Linz betont. Selbst kleinste Moleküle aus Gesellschaftskritik, Soziologie oder politischer Ökonomie sucht man in ihren technooptimistischen Projekten vergeblich, vielmehr konzentriert sie sich auf eine populärwissenschaftliche Darstellung von Biotechnologie.


Links
Website Music of the Spheres

Website von Mira Calix auf Warp
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Sequenzen

Für ihr aktuelles Projekt "Musik der Sphären" wird Jarvis nun vom britischen Mathematiker Nick Goldman unterstützt: Dieser hat es mit seinem Team am European Bioinformatics Institute in Hinxton in England bereits geschafft, 1 MB als DNA zu sequenzieren und erfolgreich wieder zu dekodieren. Eine Kostprobe der aktuellen DNA-Komposition von Mira Calix hatten die beiden dann in Linz parat: Eine zwölf Sekunden kurzer Teil ihrer Komposition war für die Ars Electronica im Vorfeld enkodiert, in DNA sequenziert und dann in Seifenlauge aufgelöst worden. Die Zuschauer durften diese Flüssigkeit  nun in Linz in Form von Seifenblasen in den Hörsaal pusten.

Als Messgerät, wie schnell sich Technologie ändert, will Charlotte Jarvis ihre "Musik der Sphären" außerdem verstanden wissen. Ein sehr elitäres allerdings: die hörbare Variante würde in den nächsten Jahrzehnten wohl nur denjenigen vorbehalten bleiben, die sich die wohl lange noch sehr teuren DNA-Dekodiermaschinen auch leisten könnten. Es sei denn, sie teilten die Musik mit herkömmlichen Methoden. Es müssen ja nicht immer Seifenblasen sein.