Stelarc mit seinem "Scale Ear" (2006) - © Wikicommons/ Nina Sellars
Stelarc mit seinem "Scale Ear" (2006) - © Wikicommons/ Nina Sellars

Kunst und Wissenschaft haben sich immer schon gegenseitig inspiriert, man denke nur an Geometrie und Malerei.  Neue Kunstformen allerdings verschmelzen beide Disziplinen und Kunst wird nicht mehr nur  technisch reproduziert, sondern vor allem technisch produziert; die Medien für künstlerischen Ausdruck ändern sich. In seinem aktuellen Buch "Colliding Worlds. How Cutting-Edge Science is Redefining Contemporary Art" (W. W. Norton & Company) beschreibt der US-amerikanische Wissenschafter Arthur I. Miller diese aktuellen Entwicklungen vom Blickpunkt der Künstler und Wissenschaftler. Miller war bei der Ars Electronica in Linz zu Gast und erzählt im Interview über die Verschmelzung von Kunst, Wissenschaft und Technik zu einer neuen Kunstform, die er ArtSci (ArtScience) oder einfach Kunst (art) nennt.

******

"Wiener Zeitung": Wie würden Sie einem Laien das Beispiel des Ohrs, das auf der Hand des Medienkünstlers Stelarc wächst, erklären?

Arthur I. Miller: Es handelt sich dabei um Performance-Kunst, um Kunst, die von Biologie beeinflusst ist. Beide erforschen den Körper,  seine radikalen Veränderungen und was er im 21. Jahrhundert überhaupt bedeutet.  Stelarcs Ohr ist aber nicht wirklich ein Ohr, wie das an ihrem Kopf. Er verwendete Stammzellen dafür.  In dieser Kunst dient der Körper als Leinwand, auf die gemalt wird, wie die französische Künstlerin Orlon, etwa, die ihr Gesicht permanent durch plastische Chirurgie verändern lässt. Oder wie Christa Ohlig, die Bluttransfusionen von Pferden bekommen hat und damit die Beziehung zwischen Tier und Mensch thematisiert. Organtransplantationen von Tieren gibt es ja auch.
Bei vielen  Menschen kommt durch diese Arbeiten aber auch Angst auf.
Die Frage ist, wie man diese Dinge verwendet. Missbrauch wird es immer geben. Tatsache ist, dass der Körper mehr und mehr mechanisiert wird, viele Leute haben heute schon Chips in ihren Körpern. Ich denke in Zukunft wird das einzige, das vom Körper übrig bleibt, das Gehirn sein. Der Rest von uns wird mechanisiert.

Arthur I. Miller ist Professor Emeritus für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie am University College London. Weitere Veröffentlichungen: "Jung, Pauli, and the Pursuit of a Scientific Obsession", "Insights of Genius" sowie "Einstein, Picasso".
Arthur I. Miller ist Professor Emeritus für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie am University College London. Weitere Veröffentlichungen: "Jung, Pauli, and the Pursuit of a Scientific Obsession", "Insights of Genius" sowie "Einstein, Picasso".

Allerdings werden diese ArtSci-Arbeiten vom etablierten Kunstbetrieb kaum angenommen.
Gewiss. Er weist diese neuen Kunstformen zurück, vor allem weil sie die Regeln missachten. Dazu zählen Einmaligkeit, Zugang oder Haltbarkeit. Viele dieser Kunst-Produkte sind auch gefährlich. Doch was jetzt passiert, das ähnelt der Kunst in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts, als zum Beispiel Monet oder Manet vom Establishment abgelehnt wurden. Damals wie heute verabschieden sich Künstler vom Mainstream und schaffen sich ihre eigenen Netzwerke. Das ist die neue Avantgarde!

Wenngleich ein besonderes Merkmal der Avantgarde der Vergangenheit fehlt: radikale Kritik an der Realität.
Nicht unbedingt. Vor allem die digitalen Communities  geben viele kritische Kommentare über die Welt von heute ab. Einige dieser herausragenden Arbeiten kann man auch hier in Linz sehen, über das Finanzparadies Cayman Islands zum Beispiel, deren Steuerflüchtlinge der italienische Künstler Paolo Cirio durch Hacken publik gemacht hat.

Ein Charakteristikum dieser neuen Kunstformen ist, dass sie nicht zurück reflektieren:  Ihre Werkzeuge sind nicht wertfrei, nicht unkontrolliert. Im Unterschied zum Pinsel ist ein Computer ein komplexes Gerät, Gentechnologie nach wie vor umstritten.

Sicherlich. Genmodifikation ist heute eine große Industrie und die  ethischen Fragen, die sich daraus ergeben, zählen heute zu den brennendsten, vor allem wenn sie sich mit biologischen Wissenschaften vermischen.

Stirbt die Malerei aus?
Malerei mit Pinseln wird es immer geben, es wird immer konventionelle Kunst geben, aber sie wird in den Hintergrund treten, die Balance wird sich ändern  und immer weniger werden sich für die traditionelle Malerei interessieren. Schon jetzt erkennt man +bei den Studenten an den Kunsthochschulen die Veränderung:  die meisten wollen nicht mehr Malerei studieren, sondern mit Elektronik, mit Computern arbeiten.

Fotostrecke 13 Bilder

Damit verbunden ist auch eine neue Form der Ästhetik.
Dass Kunst neu definiert wird, dass es bald keinen Unterschied mehr zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie geben wird, das verändert natürlich auch die Ästhetik. Aber man darf nicht vergessen: In der Wissenschaft gab es immer schon auch Ästhetik. Es gibt zum Beispiel schöne Gleichungen.  Das ist Gleichungen, die, nachdem gewisse Elemente transformiert wurden, ihre Form beibehalten.

Und wie sieht diese neue Ästhetik aus?
Sie definiert sich durch Einfachheit, Minimalismus, Funktionalität und bewegt sich zwischen Form, Funktion und Bedeutung. Schönheit ist nach wie vor wichtig, aber ihre Bedeutung ändert sich.

Auch die Wissenschaft ist durch Kunst im Wandel: Verliert Text zugunsten von Bildern an Bedeutung?
Ja. Aber Visualisierungen waren aber immer schon ein Schlüssel für wissenschaftlichen Fortschritt. Dass Wissenschaften nun mehr und mehr mit Technologie verschmelzen, das sieht man sehr gut am Beispiel Biotechnologie. Vor einigen Jahren wäre das noch ein Oxymoron gewesen, jetzt ist sie von den Universitäten nicht mehr wegzudenken.
Kunst sagt auch immer etwas über die Gesellschaft aus: Angesichts dieser Entwicklungen, welche Rückschlüsse ziehen sie diesbezüglich?
Es werden viele Verbesserungen geschehen, es wird eine bessere Gesellschaft.. Wir werden eine friedlichere Welt haben. Die Nahrungsmittelkrise wird gelöst werden, die Wasserkrise wird gemildert und Wüstengebiete werden bewohnbar werden. Und es gibt schon Fleisch, das aus anorganischem Material hergestellt wird.

Wie schmeckt das?
Schrecklich. Und es sieht aus wie Leder, aber es ist ein Schritt zu einer fleischähnlichen Substanz.

Nichts kann durch Technik, Wissenschaft allein verändert werden, es gibt noch immer Politik oder  Wirtschaft. Hunger etwa ist unter anderem doch auch eine Frage der Verteilung und des internationalen Handels.
Im alten Griechenland gab es Zeiten, da war das alles eins. In  Zukunft wird sicherlich die mathematische Ökonomie eine größere Rolle spielen, alles wird mathematisiert werden und damit verbunden ist die Vorhersehbarkeit. Und wir werden den Planeten durch ein Wurmloch verlassen, dann sind wir in dreißig Sekunden auf der anderen Seite des Universums. Das wird dann nicht mehr Science Fiction sein.