Die Geschichte der Zivilisation ist eine Geschichte der Urbanisierung. Seit der Gründung von Jericho im Jahr 9000 vor Christus haben sich Menschen in Siedlungen niedergelassen, die im Laufe der Zeit zu Städten heranwuchsen. Die Geschichtsschreibung ist eine Geschichtsschreibung der Städte, denn von der Stadt bleiben zumindest Ruinen: Indus-Zivilisation. Das alte Ägypten. Mesopotamien. Das antike Griechenland. Rom. Städte sind von Beginn an Transaktionsorte, in denen die Menschen Handel treiben und ihre Geldgeschäfte tätigen, dort finden sie seit jeher spirituelle Erfüllung, Ablass, Erbauung und Zerstreuung, in den Städten werden Tempel, Paläste, Kathedralen, Bibliotheken und Universitäten gebaut. In Städten werden Kaiser von Päpsten gekrönt oder von Revolutionären enthauptet. "In den Städten konzentriert sich Wissen, Reichtum und Macht. Hier bieten sich Lebenschancen für die Ehrgeizigen, Neugierigen und Verzweifelten und im Vergleich zu ländlichen Gemeinschaften sind Städte immer Schmelztiegel", schreibt der deutsche Historiker Jürgen Osterhammel  in seiner monumentalen Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts "Die Verwandlung der Welt". Und weiter: "Imperien werden von Städten aus regiert, globale Systeme von Städten aus gesteuert: die internationale Finanzwelt von London, die katholische Kirche von Rom, die Modebranche von Mailand oder Paris aus."

Städte boten schon immer Chancen auf ungeahnten Erfolg – aber bargen auch immer das Risiko kläglichen Scheiterns. Die märchenhafte Lagunenstadt Venedig war so ein Risiko-Ort.

Risikostadt Venedig

"Abfahrt. Risiko. Profit. Ruhm. Das waren die Kompass-Punkte des venezianischen Lebens", schreibt der britische Historiker Roger Crowley in seinem Buch "City of Fortune – How Venice Ruled the Seas". "Die Venezianer waren Händler bis in die Fingerspitzen; sie kalkulierten das Risiko, den Erlös und den Gewinn mit wissenschaftlicher Präzision. Das rote und goldene Löwenbanner flatterte auf den Masten der Schiffe wie ein Konzernlogo", schreibt Crowley. Venedig ist zudem ein Musterbeispiel für Aufstieg und Fall einer Metropole. Das Venedig des Jahres 1050 schwoll scheinbar unaufhaltsam von 45.000 auf 70.000 Einwohner im Jahr 1200 und 110.000 im Jahr 1330 an, als Venedig so groß wie Paris und vermutlich dreimal so groß wie London war. Aus dem Osten wurden Gewürze, Produkte aus Byzanz und Sklaven angeliefert, die Venedig weiterverkaufte – das Päpstliche Patent, das den Handel mit Muslimen erlaubte, leistete einen unschätzbaren Beitrag zu den Erwerbsmöglichkeiten der venezianischen Händler. Besonders clever war das Finanzierungsmodell, die Commenda. Die Commenda war eine Kapitalgesellschaft, die für jeweils eine Handels-Expedition gegründet wurde. Ein Partner trug das Geld bei, der andere nahm das Risiko und die Mühen der Reise auf sich. So wurde Venedig zur Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und des sozialen Aufstiegs. Diese Gesellschaft der Chancen und Risiken gab sich nach und nach politische Institutionen, die Eliten wählten sich ihre Führer  selbst – der erste vom Dogenkonzil gewählte Doge Domenico Flabianico war ein reicher Seidenhändler aus einer Familie, in der vorher noch niemand ein hohes Amt bekleidet hatte.