Doch ab dem Jahr 1286 begannen die Eliten, so beschreiben es der amerikanisch-türkische Ökonom armenischer Abstammung Doron Acemoglu und Harvard-Professor James R. Robinson in ihrem Buch "Warum Nationen scheitern – Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut", ihre Pfründe abzusichern und die Leitern, die sie selbst zum gesellschaftlichen Aufstieg erklommen hatten, hinter sich hochzuziehen. Das Goldene Buch – Libro d’Oro –  enthielt ab 1315 die Namen jener Aristokraten, die fortan die Geschicke des Stadtstaates bestimmen sollten. Die Commenda hatte den Händlern den Aufstieg beschert, die 1286 beschlossene Serrata (Aussperrung) verschloss diesen Pfad. Ab 1324 ging es mit dem Wohlstand der Lagunenstadt bergab, aus der mächtigen Metropole wurde langsam aber sicher ein Museum.

Amsterdam: Hostie, Heringe

Spanier, Portugiesen und Holländer freuten sich, dass die italienische Konkurrenz im Niedergang war. Vor allem Amsterdam blühte auf: Die Stadt, 1345 zu einer Pilgerstadt aufgestiegen, verstand sich aber auch vortrefflich auf den Hering-Fang und verbesserte die Methoden des Hering-Ausnehmens und der Haltbarmachung des schmackhaften Fisches. Eines gab das andere: Die immer größer werdende Heringsflotte brauchte immer mehr Schiffe. Mehr Schiffe bedeuteten mehr Werften, ein höherer Bedarf an Segeltuch brachte Textilfabrikanten in die Stadt. Die Heringsflotte brauchte Geleitschutz und erfahrene Seeleute. In den sechziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts zählte die Provinz Holland rund 1800 seetüchtige Schiffe (rund 500 gehörten Amsterdam) – das Sechsfache dessen, was Venedig ein Jahrhundert zuvor auf dem Gipfelpunkt seiner Entwicklung hatte aufbieten können. Die Niederländer trieben einen regen Import-Export-Handel mit den wichtigsten Erzeugnissen der Nord- und Ostsee, mit Fisch, Getreide, Holz, Talg, Teer, Tierhäuten und Wollstoffen.

Die Rolle von Städten
Die Rolle von Städten

Die Hafenstadt verknüpfte das europäische Hinterland mit dem Atlantik und den noch weiter entfernt gelegenen Gebieten. Schiffe aus der Neuen Welt liefen zwar zuerst Lissabon oder Sevilla an, sie gingen dann aber im Hafen von Amsterdam vor Anker. Dort wurden die importierten Güter weiterverarbeitet und veredelt, um dann wieder exportiert zu werden. Ein modernes und liquides Bankwesen half dabei.

Spanien wollte sich die ungeliebte Konkurrenz vom Hals schaffen, scheiterte aber und schloss 1609 Frieden mit Holland. Die Niederländer waren inzwischen darangegangen, ihre Handelsnetze immer enger zu knüpfen. Sie gründeten im Jahr 1602 die Vereenigde Oost-indische Compagnie, die Ostindien-Kompagnie, die auf den Gewürzinseln der Bandasee des heutigen Indonesien sowie auf Java Fuß fasste. "Kein Unternehmen in der Geschichte hatte derartigen Einfluss auf die Welt", schreibt Russell Shorto in seinem Buch "Amsterdam – A History of the World’s most Liberal City". Das Unternehmen sei ein Pionier der Globalisierung gewesen und habe die erste moderne Bürokratie erfunden und das Antlitz der globalen Landwirtschaft verändert, indem Kaffeebäume vom arabischen Mokka nach Java verschifft und unzählige Pflanzen-, Tier- und Insektenarten in den Schiffsbäuchen der Kompagnie von einem entlegenen Ort zum anderen gebracht wurden. In der Geschichte des Unternehmens wurden mehr als eine Million Europäer nach Asien transportiert und 2,5 Millionen Tonnen Produkte aus Asien nach Europa verfrachtet. Krieg, Gewalt, Verbrechen und Korruption waren da eine offenbar völlig normale Begleiterscheinung: Kein Wunder, dass nach der Auflösung der Vereenigde Oost-indische Compagnie ihr Kürzel VOC mit Vergaan onder Corruptie (Untergegangen in Korruption) wiedergegeben wurde. Amsterdam war zu einer imperialen Stadt geworden, stellte die imperiale Größe allerdings nicht aufdringlich zur Schau.