Haben der kluge Gelehrte der Aufklärung, Rousseau, und die "große Seele", der Mahatma, die Essenz der Stadt nicht erkannt? Denn die Armut in den Städten, welche die beiden großen Denker abgestoßen haben muss, ist keine inhärente Eigenschaft der Stadt, Städte ziehen Menschen, die der Armut entfliehen wollen, an – sie gehen in die Städte in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Stadtluft macht frei – doch es war und ist eine Freiheit mit Schattenseiten. Die Zustände in der britischen Industriestadt Manchester schockierten nicht nur Friedrich Engels. Zwischen 1800 und 1850 verdreifachte sich die Bevölkerung dieser britischen Stadt von 71.000 auf 230.000. Birmingham wuchs im gleichen Zeitraum von 81.000 auf 404.000 und die Hafenstadt Liverpool von 76.000 auf 422.000. Die Lebensbedingungen in diesen neuen Industriestädten waren fürchterlich, der einzige Existenzgrund für diese Städte waren die Fabriken. Ähnliches ließe sich heute über so manche chinesische Industriestadt sagen.

Offenes Labor Stadt

Städte bieten dem Menschen die Chance, vielen Artgenossen zuzusehen und zuzuhören und voneinander zu lernen – eine herausragende Eigenschaft des Homo sapiens sapiens. Denn die Zusammenballung von vielen Menschen an einem Ort ermöglicht den freien Ideenfluss von einem Bürger zum nächsten und setzt damit eine Lawine von Ideen und Kreativität frei: Brunelleschi hat in Florenz das Geheimnis der perspektivischen Bilddarstellung entschlüsselt und damit die Malkunst und Bildhauerei revolutioniert. In der Musik sollte es später nicht anders sein: Im Wien des 18. Jahrhunderts inspirierten die Ideen eines gewissen Joseph Haydn (1732-1809) einen gewissen Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Haydn und Mozart sollten enge Freunde werden – und einen gewissen Ludwig van Beethoven (1770-1821), der Haydns Schüler werden sollte. In den 1970er Jahren erfand DJ Kool Herc das moderne DJing, Grandmaster Flash, der ihm bei House-Parties in der West Bronx zugehört hatte, verfeinerte DJ Kool Hercs Ideen. MC Melle Mel begann zu den Tunes zu singen und mit dem Rap und dem Mix von zwei Plattenspielern war eine neue Musikgattung geboren. Der Reichtum der Stadt – das sind die Menschen, die in ihr leben.

Jene, die erwartet haben, dass Internet, Bildtelefonie und die Kommunikationsrevolution, die das Arbeiten theoretisch von jedem Ort der Erde ermöglichen, die Städte entvölkern werden, haben sich geirrt.

Freilich, die neu entstandene kreative Klasse arbeitet heute gerne von einer Finca in Ibiza oder einem Haus in einem wildromantischen Teil Irlands oder Portugals aus. Gleichzeitig ist der Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, das Networking mit Business-Partnern oder das Einsaugen von Inspiration noch wichtiger geworden – und das geschieht vorwiegend in den Städten. Denn die wichtigste Kommunikation erfolgt noch immer face-to-face. Kein Wunder, dass die Grundstückspreisentwicklung in den Städten der kreativen Klasse nur eine Richtung kennt: nach oben.

Orte der Innovation

Die Funktion der Stadt als Drehscheibe von Ideen, Gütern und Kapital ist seit Jahrtausenden die gleiche geblieben, gleichzeitig haben sich die Funktionen ausdifferenziert. Von den ersten großen, bedeutenden Städten wurden große Reiche regiert und mächtige Götter angebetet. Doch nach und nach gesellten sich neue Stadtfunktionen hinzu.