Der technologische Fortschritt war rasant, Straßen wurden gepflastert, Hafenbecken gemauert, zuerst verlängerten Gaslampen und später elektrisch betriebene Glühbirnen den Tag, Pferdekutschen auf Schienen wurden von elektrischen Tramwagen abgelöst (1888 in den USA, 1891 in Prag, 1897 in Wien und 1901 in London). Gleichzeitig entstanden neue Bahnhofsviertel. Die Stadt entwickelte sich auch immer mehr in die Tiefe: Ausgeklügelte Abwassersysteme verbesserten die Hygienebedingungen, 1860 wurde mit der "Metropolitan Line" in London das erste U-Bahn-Bauvorhaben in Angriff genommen, wobei anfangs noch Dampfloks die Züge durch die Rohre zogen. Budapest begann 1896 mit dem U-Bahn-Bau, Paris im Jahr 1900, New York im Jahr 1904. Ab der Jahrhundertwende folgte dann der Siegeszug des Automobils. Dieses Gefährt sollte das Antlitz der Städte völlig verändern und mit der Möglichkeit, die Stadt schnell hinter sich zu lassen und im Grünen zu siedeln, begann vor allem in den USA eine Periode des Niedergangs der Städte zugunsten von "Suburbia". In Deutschland kam 1913 auf 1567 Einwohner ein Pkw, in Frankreich auf 437, in den USA bereits auf 81.

Bis in die 1950er, 1960er Jahre wurden Städte aber immer noch attraktiver, die Bodenpreise stiegen mit rasender Geschwindigkeit, die Gebäude bekamen immer mehr Etagen. Aber erst mit der Erfindung des Fahrstuhls war es möglich, Hochhäuser so weit in den Himmel zu bauen, dass sie das Substantiv "Wolkenkratzer" verdienten.

Auch die Ausdifferenzierung der Stadtfunktionen nahm im 19. Jahrhundert eine neue Dimension an: Die Eisenbahn schuf den Stadttypus des Eisenbahnknotenpunkts, die modernen Bürger der Städte dürsteten nach Erholung und so fuhren die Londoner bald ins Seebad Brighton. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein internationales Netzwerk, das die Metropolen der Welt mit Telegraphenleitungen und Dampfschiffen miteinander verknüpfte. Lange genug haben die Sakralbauten der Kleriker und die Paläste der Kaiser und Könige das Stadtbild beherrscht, nun inszenierte sich das Bürgertum im Stadtbild. Die Wiener Ringstraße ist ein herausragendes Beispiel dieser Epoche mit einem Rathaus, das aussieht wie eine Kathedrale, dem klassizistischen Parlament, der Universität, dem Burgtheater, einem wuchtigen, eindrucksvollen Museums-Doppelbau und der Wiener Staatsoper. Treibende Kraft ist laut Historiker Osterhammel ein Nachlassen absolutistischer Reglementierung, breitere politische Repräsentation, neue Massenmedien und die Organisation von Interessengruppen und politischen Parteien in der städtischen Arena. Für die Generation von Karl Marx und John Stuart Mill dominierte nun die Industrie im städtischen Raum die Volkswirtschaften. Arbeitsprozesse wurden immer mehr synchronisiert, durch die neue Verkehrstechnik wurde die Bewegung von Menschen, Gütern und Lebensmitteln innerhalb der Stadt und im Austausch mit dem Umland immer mehr beschleunigt. Das Tempo wuchs.

Das neue Antlitz der Stadt

Das London der frühviktorianischen Periode, Paris, New York, St. Petersburg, Wien nach 1890, das Berlin der 1920er Jahre und das Shanghai der 1930er Jahre sind die ersten Städte der Moderne in ihrer Region. Der Welthandel boomte und die großen Hafenstädte mit ihm. Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg dominierten New Yorker Zwischenhändler, Reeder, Versicherer und Bankiers den internationalen Handel der Südstaaten. China war wiederum zwischen 1842 und 1861 gezwungen worden, die sogenannten "Treaty Ports" für den Überseeverkehr zu öffnen. Gegen Ende des Jahrhunderts waren aber nur Shanghai und die britische Kronkolonie Hongkong den Anforderungen der transozeanischen Handelsschifffahrt gewachsen, in Nordchina waren es Tianjin sowie Dalian an der Südspitze der Mandschurei.

New York war zur wichtigsten Stadt der USA aufgestiegen. Schon seit 1820 war der New Yorker Hafen der wichtigste Umschlagplatz für das wichtigste Exportgut der USA – Baumwolle. Doch die Rolle New Yorks änderte sich, so wie sich die Rolle vieler wichtiger Metropolen des Weltmarkts änderte, wie die Stadtforscherin Saskia Sassen feststellt. Die Handelsgesellschaften brauchten schon seit jeher Finanz- und andere Dienstleistungen. Heute dominieren diese Dienstleistungsindustrien, sie generieren mit Abstand am meisten Profit. Bis zum Jahresende 2004 betrug der Wert aller auf der Welt gehandelter Waren rund eine Billion Dollar, verglichen mit 262 Billionen der globalen Finanzdienstleistungsindustrie. Bis 2008 war dieser Wert auf 600 Billionen Dollar angestiegen. Die Kapitalen des Kapitals umspannen wie ein Netzwerk den Globus: von Tokio über Hongkong bis nach Frankfurt, London und New York.
Das Antlitz der Städte ändert sich immer und immer wieder. Die heutigen Stadtbewohner erwarten eine lebenswerte Stadt, weniger Abgase, Gestank, Autolärm. Mehr Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, Fahrradwege anstelle von Stadtautobahnen – Städte nach menschlichem Maß. Die Stadt soll nicht mehr für Gott, Kaiser oder Mammon da sein – sondern für den Bürger.

Print-Artikel erschienen am 28. August 2015 In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-9.