May Al-Ibrashi ist die einzige Frau an diesem Vormittag im Kaffeehaus in der Khalifa-Straße. Ein alter Mann saugt im Schatten eines Feigenbaumes an seiner Wasserpfeife, andere trinken Tee und sehen den Tuk-Tuks zu, die über die Sandstraße holpern. Das Khalifa-Viertel ist ein alter Stadtteil Kairos, dicht bebaut, abgewohnt, die Mieten billig. Al-Ibrashi leitet eine ägyptische NGO, die sich für die Aufwertung des Stadtteils einsetzt. "Wir arbeiten eng mit den Bewohnern des Viertels zusammen", sagt die Architektin. Die Straße vor dem Kaffeehaus sei ein Beispiel dafür, was in Kairo falsch laufe: "Die Häuser verfallen, Kanalisation und Stromnetz sind überlastet." Der Eindruck, dass Kairo aus allen Nähten platze, sei falsch. "Es könnten viel mehr Menschen in Kairo leben, wenn die Stadt vernünftig verwaltet wäre."

Geisterstädte in der Wüste

Doch das Geld fließe woanders hin. Al-Ibrashi meint damit das Langzeitprojekt Wüstenstädte, das die Regierung nun schon seit über 30 Jahren verfolgt. 1974 gab der damalige Präsident Anwar As-Sadat den Startschuss zum Bau von vier Satellitenstädten, die die stark wachsende Bevölkerung Kairos aufnehmen sollten. Präsident Hosni Mubarak trug das Projekt weiter. Der Zensus von 1996 zeigte, dass weit weniger Menschen in den Wüstenstädten lebten, als erwartet. Doch es wurde weiter gebaut. Aber anders als in die frühen 90ern, als der Staat vorwiegend auf günstige Wohnungen für Arbeiter setzte, begann er nun Wüstenland billig an private Firmen zu verkaufen. Diese Firmen schufen teuren Wohnraum für die obere Mittelklasse und die Reichen. 2006 gab es einen weiteren Zensus: Anders als die vom staatlichen Planungsbüro geschätzten 1,7 Millionen, lebten in den acht Neustädten rund um Kairo nur 610.000 Menschen. 63 Prozent der Wohnungen wurden nicht genutzt.

Das Kaffeehaus in der Khalifa-Straße ist ein wichtiger Treffpunkt. - © Markus Schauta
Das Kaffeehaus in der Khalifa-Straße ist ein wichtiger Treffpunkt. - © Markus Schauta

Al-Ibrashi hat ihren Minztee ausgetrunken. Sie geht zur Baustelle auf der anderen Straßenseite, wo ein Heiligenschrein aus dem 13. Jahrhundert renoviert wird. "Frau Duktur", rufen die Arbeiter, es gebe ein Problem; das alte Mauerwerk ist immer noch feucht. Die Architektin weiß, woran es liegt: "Ab einem halben Meter Tiefe wird das Erdreich nass." Das liege am kaputten Kanalsystem. "Abwasser rinnt aus den Rohren, vergiftet den Boden und steigt als Feuchtigkeit in die Wände." Es sei daher dringend sanierungsbedürftig. Doch die Regierung hat andere Prioritäten. Al-Ibrashi deutet auf eine riesige Baugrube hinter dem Mausoleum. "Hier baut die Regierung um 40 Millionen Ägyptische Pfund eine neue Moschee", sie kann ihren Ärger nicht verbergen. Die Ibn Tulun Moschee sei fünf Minuten entfernt, ganz zu schweigen von den vielen kleinen Moscheen des Viertels. "Es ist lächerlich, das Letzte, was das Viertel braucht, ist eine neue Moschee", sagt Al-Ibrashi und starrt in die Baugrube. Die Situation in Kairo verschlechtere sich zusehends, sagt sie. "Aber nicht, weil zu viele Menschen in der Stadt leben, sondern weil es kein vernünftiges Management gibt."