Benachteiligt: das Khalifa-Viertel in Kairo. - © Markus Schauta
Benachteiligt: das Khalifa-Viertel in Kairo. - © Markus Schauta

"Es dreht sich alles ums Geld"

Die Qasr Al-Ainy ist eine stark befahrene, vierspurige Straße im Zentrum Kairos. Es ist 9 Uhr am Vormittag – Rush Hour. Plötzlich ein lautes Scheppern, Metall schleift über Asphalt. Ein Moped schlittert die Straße entlang und knallt gegen die Bordsteinkante. Etwa 20 Meter die Straße hinauf liegen zwei Männer am Boden, offensichtlich verletzt. Der eine versucht aufzustehen, schwankt und setzt sich dann rücklings auf die Straße. Einige Passanten kommen zu Hilfe. Dann ein Polizeiauto; langsam fährt es an der Unfallstelle vorbei. Die Polizisten sehen die Verletzten, sehen das Moped auf der Straße – und fahren weiter. "Die Polizei fühlt sich nicht zuständig", sagt Hassnaa und wechselt auf die zweite Spur. Der Verkehr sei weitgehend sich selbst überlassen. Verkehrs- und Parkregeln werden selten kontrolliert, sagt sie. "Schon gar nicht, wenn du ein teures Auto fährst. Du könntest ja das Kind einflussreicher Eltern sein und das würde große Probleme für den Polizisten bedeuten."

Kairo ist eine Stadt der Autos. Etwa zwei Millionen private Autos sind in Kairo registriert. Und ihre Zahl wächst, motiviert durch die Regierung, die den Benzinpreis niedrig hält und wenig in öffentliche Verkehrsmittel investiert. Hassnaa hat sich für heute den Hyundai ihres Vaters ausgeliehen, weil sie Erledigungen in Downtown zu machen hat. Sie drückt ständig auf die Hupe, wie es hier alle machen. Beim Überholen: Achtung, ich komme! Im Stau: Fahrt endlich weiter! Beim Abbiegen: Ich habe Vorrang! Hassnaa lebt in Heliopolis, einem besseren Stadtteil im Nordosten Kairos. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln braucht sie etwa eine Stunde zur Arbeit in einer Sprachschule im Zentrum der Stadt. Zuerst mit dem Minibus, dann mit der Metro, die letzte Strecke zu Fuß. "Die Metro ist sauber und klimatisiert, aber du kannst nur wenige Punkte in der Stadt erreichen", sagt Hassnaa. Zu den Stoßzeiten seien die Wägen regelmäßig überfüllt. "Sexuelle Belästigungen sind ein großes Problem in Kairo", sagt sie, "Trotz Kopftuch." Das erspare sie sich im eigenen Auto. "In der Metro gibt es zwar getrennte Abteile für Männer und Frauen, aber nur untertags."

Die drei Metrolinien Kairos transportieren täglich etwa vier Millionen Passagiere auf insgesamt 70 Kilometern. Die erste Linie eröffnete 1987, die zweite 1999. Die dritte Linie ist zurzeit nur auf vier Stationen befahrbar, soll aber irgendwann den Flughafen mit der Innenstadt verbinden. Eine vierte und fünfte Linie existieren am Reißbrett. Einen wesentlichen Teil des öffentlichen Transports leisten private Minibusse. Ihr Routennetz spant sich über ganz Kairo. Vor allem in den ärmeren Stadtvierteln, wie Imbaba oder Bulaq, wird der Großteil des Transports über private Minibusse abgewickelt. Die Besitzer versuchen ihre Busse möglichst viele Stunden am Tag am Laufen zu halten, um Einnahmen zu maximieren. Das führt dazu, dass die Fahrzeuge schlecht gewartet und Unfälle häufig sind. Der Konkurrenzkampf ist groß: Wer schneller bei den wartenden Passagieren ist, macht das Geld. Also wird aufs Gas getreten, wer bremst, verliert (Fahrgäste). Gehalten wird überall, wo Leute ein- oder aussteigen wollen, was zusätzlich zur Staubildung beiträgt.