Das heißt, Wien kann weitgehend innerhalb der Stadtgrenzen wachsen und muss in Zukunft nicht vermehrt auf Satellitenstädte wie die Seestadt Aspern setzen?

Homeier: Ja, davon bin ich überzeugt und dahin gehen auch die Bestrebungen in Wien – wobei ja auch in der Seestadt vorhandenes Flächenpotenzial innerhalb der Stadtgrenze genutzt wird. Für mich stellt sich eher die Frage, was man mit dem Land macht. Es gibt Regionen im Umland, die sich leeren, und das sehe ich als sehr problematisch. Man muss sich Gedanken machen, wie man die Zentren dort wieder beleben kann. In Wien sind die Grätzel für mich ein gutes Beispiel. Die Menschen beleben die Straße und nutzen den öffentlichen Raum.

Muss der Anstoß von Städteplanern kommen oder kann man die Menschen auch einfach machen lassen?

Homeier: Beides. Die Stadtplanung muss Engagement ermöglichen und Raum dafür zu schaffen. Vieles entsteht aber auch ganz direkt aus der Bevölkerung.

Antalovsky: Der Grätzel-Gedanke ist wichtig, aber er braucht heute eine gedankliche Neuformulierung. Aufgrund der unterschiedlichen Lebensstile und Karrieren ist es eine Illusion zu glauben, dass jemand an dem Ort bleibt, wo er vor Jahren hingezogen ist.

Ina Homeier wurde 1965 in Wien geboren. Sie studierte Architektur und begann 1994 bei der Stadt Wien zu arbeiten. Nach mehrjähriger Tätigkeit für die Europäische Kommission und einem längeren Aufenthalt in Portugal ist sie seit 2011 im Bereich Stadtentwicklung der Stadt Wien tätig und Leiterin der Projektstelle Smart City Wien. - © Saskia Blatakes
Ina Homeier wurde 1965 in Wien geboren. Sie studierte Architektur und begann 1994 bei der Stadt Wien zu arbeiten. Nach mehrjähriger Tätigkeit für die Europäische Kommission und einem längeren Aufenthalt in Portugal ist sie seit 2011 im Bereich Stadtentwicklung der Stadt Wien tätig und Leiterin der Projektstelle Smart City Wien. - © Saskia Blatakes

Leute, die heute in die Seestadt Aspern ziehen und dort vor Ort eine Arbeit finden, werden nach einigen Jahren voraussichtlich woanders arbeiten. Es gibt eine hohe Mobilität der Menschen innerhalb ihrer Stadt. Es geht also darum, eine robuste Grundstruktur zu schaffen, die uns viele Funktionen an einem Ort ermöglichen. Die Bewohner werden sich permanent ändern. In der Seestadt Aspern gibt es viele Ansätze, Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Handel zu verbinden, und das ist sehr gut so. Wenn ich mir hingegen den neuen Stadtteil rund um den Hauptbahnhof anschaue, gibt es da noch eine ziemlich starke Segmentierung zwischen Wohnraum und Büro.

Es soll zukünftig auch nicht sein, dass wie in der Brünner Straße oder auch in der Seestadt Betriebe einstöckig und mit ebenerdigen Parkplätzen gebaut werden. Das ist ein Ressourcenverbrauch, der heutzutage nicht mehr akzeptabel ist. Wie soll man aus solchen "Ungegenden" wieder Stadt machen?

Sprechen wir über Migration. Jüngst erschien "Arrival City" von dem kanadischen Reporter Doug Saunders. Er hat wachsende Städte weltweit bereist und sich dort vor allen an den Rändern umgesehen. Saunders kommt zu dem Schluss, dass jene armen Migranten, die aus ländlichen Gebieten in die Städte strömen, zum Motor der Stadt werden, weil sie Tatendrang und Optimismus mitbringen. Schon bald werden sie der Mittelschicht angehören, prophezeit er. Was kann eine Stadt tun, um dieses Potenzial besser zu nutzen?