Der Smart City-Kritiker Anthony Townsend warnt davor, das "Gehirn der Stadt" an Technologiefirmen wie IBM oder Cisco outzusourcen. Denn die Kontrolle über die riesigen Datenmengen bleibt bei den Firmen. Es gibt sogar Modelle, Bürger für den Schutz ihrer Daten extra zahlen zu lassen, anstatt von vornherein Datenschutz mitzudenken. Kein Grund zur Besorgnis?

Homeier: Wenn Daten zu meinem Stromverbrauch gesammelt werden, um die Energieeffizienz zu verbessern, dann ist das aus meiner Sicht ein positiver Beitrag zu einem schonenden Umgang mit Ressourcen. Viele geben weitaus persönlichere Daten über Facebook und Twitter freiwillig bekannt.

Antalovsky:
Es gibt sehr positive Beispiele. Die New Yorker Verkehrsbetriebe arbeiten daran, die Frequenz der U-Bahnen mit smarten Systemen zu erhöhen. Das ist sinnvolle Technologie, die den öffentlichen Verkehr und die Stadt verbessert. Das zweite Beispiel ist Hudson Yards im Westen von Manhattan, derzeit eines der größten städtebaulichen Investments in den USA. Ein völlig neuer Stadtteil, der von Grund auf unter Nutzung der bestmöglichen Technologien und von Big-Data-Auswertungen gebaut wird. Das ist die eine Seite der technologischen Möglichkeiten.

Die Frage ist, inwieweit unterstützt eine Stadt die Profitinteressen von Technologiefirmen, die es auf Big Data abgesehen haben. Die britische Handelskette Tesco hat jüngst in Seoul den Test begonnen, Stationswände in der U-Bahn zum virtuellen Supermarkt umzufunktionieren, wo man während des Wartens seine Bestellungen aufgeben kann und die Waren dann direkt nach Hause geliefert bekommt. Hier ist die Frage, wie weit soll öffentlicher Raum für private Interessen hergegeben werden.

Für Datenschützer spielt es eine Rolle, ob die Daten freiwillig oder automatisch herausgegeben werden. Sie warnen davor, dass Bürger durch Big Data berechenbar würden und Hacker an detaillierte Informationen über Hausbewohner gelangen könnten. Ist die Politik darauf vorbereitet?

Homeier: Es gibt strenge Datenschutzbestimmungen, aber auch Lecks hat es leider immer gegeben. Wenn eine Technologie von den Menschen nicht angenommen wird, dann wird eine Stadt sie auch nicht verwenden können. Man muss unbedingt die Bewohnerinnen und Bewohner fragen, was sie überhaupt brauchen.

Antalovsky:
Hier funktioniert der Markt offensichtlich, die Firmen wissen schon, wie sie Bedürfnisse wecken und befriedigen. Datensicherheit ist eine weltweite Diskussion und da kann eine Stadt sehr wohl eine Position und Initiativen dazu entwickeln. Aber man muss sich von der Vorstellung verabschieden, die Stadt sei eine "Ober-Regierungsbehörde", die alles regulieren könnte.

Print-Artikel erschienen am 28. August 2015 In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 20-24.