- © Peter M. Hoffmann
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Mariahof. Ahmad führt die Hand zum Herzen und ringt nach Luft. Zitternd holt er seinen Ausweis aus der Hosentasche und gibt ihn der Postlerin, die einen blauen Rsa-Brief für Ahmad in der Hand hält. Als er ihn öffnet, schießen dem 35-jährigen Tränen in die Augen vor Freude - es ist ein positiver Asylbescheid. Ahmads Odyssee ist mit dem Schreiben zu Ende. Der dreifache Familienvater kommt aus Syrien, seine Heimat hat er vor zweieinhalb Jahren verlassen. In Österreich ist er seit September des Vorjahres - da griff ihn die Polizei auf der Autobahn von Ungarn kommend auf. Dabei wollte er ursprünglich nach Schweden, wo ein syrischer Freund von ihm lebt.

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Doch zurück ins Jahr 2013, als Ahmads Flucht begann. Es war Anfang des Jahres, als der gelernte Optiker, der mit seiner Ehefrau und seinen drei kleinen Kindern in der Hauptstadt Damaskus lebte, seinen Einberufungsbefehl bekam. Er sollte für das Regime Bashar al-Assads in den Krieg ziehen. Da war für Ahmad klar, er musste seine Heimat Syrien, wo er bis zum Beginn des Bürgerkrieges 2011 ein beschauliches Leben führte, verlassen. "Es gab außer Flucht nur zwei Möglichkeiten für mich: kämpfen oder sterben", erzählt Ahmad. Wer dem Einberufungsbefehl nicht Folge leistet, muss das in Syrien mit dem Leben bezahlen. Es musste damals alles schnell gehen, denn seine Heimat war für Ahmad und seine Familie nicht mehr sicher.

Ahmad hat seine Rettung mit dem Handy gefilmt:

Der Libanon wurde schließlich wie für fast alle Syrer aus der Gegend um Damaskus zur ersten Station seiner Flucht. Während man vom Norden Syriens rund um Aleppo - zumindest bis vor Kurzem - relativ einfach die Grenze in die Türkei passieren konnte, war Ahmad in Damaskus gezwungen, den Weg über den Libanon zu nehmen. Um die erforderlichen Dokumente für eine Ausreise zu bekommen, musste er Leute in der Verwaltung bestechen. Seine Frau und seine drei Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahre kamen mit ihm mit. "Wir haben ursprünglich gedacht, der Krieg wird nicht lange dauern und waren immer darauf eingestellt, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können", sagt Ahmad. Doch bald war klar, der Krieg in Syrien würde nicht so schnell enden. "Da habe ich dann erstmals begonnen, über eine Flucht nach Europa nachzudenken", erinnert sich Ahmad.

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Keine Zukunftsperspektiven im Nahen Osten


Im Libanon selbst - er verbrachte insgesamt eineinhalb Jahre dort und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser - hätte es für ihn als Syrer keine Zukunft gegeben. Im syrischen Nachbarland leben mehr als 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge - und das bei nur knapp über vier Millionen Libanesen. "Syrer leben im Libanon sehr gefährlich. Im Land spielt die schiitische Hisbollah eine wichtige Rolle, und von offizieller Seite sind Menschen aus Syrien kaum willkommen", erklärt Ahmad die Situation seiner Landsleute. Seine Frau, die beiden Töchter und den Sohn schickte er deshalb bald in die Türkei, wo sie noch heute leben, und warten, bis sie wieder mit ihm wieder vereint sein können. Auch die anderen arabischen Staaten zeigten wenig Solidarität mit der vom Krieg gebeutelten syrischen Bevölkerung, klagt Ahmad. Vor dem Krieg hätten Syrer ohne Visum in fast alle anderen arabischen Länder reisen können, jetzt müsse man für die Einreiseerlaubnis zahlen.

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Als ihm dann der Bruder eines Freundes von seinem Leben in Schweden erzählte, sei eine Flucht nach Europa für ihn immer wahrscheinlicher geworden, schildert Ahmad weiter. Leicht sei ihm die Entscheidung aber nicht gefallen. Auch weil er wusste, dass der Weg nach Europa gefährlich und die Reise teuer werden würde.

Nach knapp eineinhalb Jahren im Libanon ging es für Ahmad dann schließlich weiter in die Türkei. Da begann er sich mit allerlei Leuten zu treffen, die ihm bei der Flucht nach Europa behilflich sein könnten. Fluchthelfer, also Schlepper, seien sehr leicht zu finden gewesen. "Das ist eine Mafia und ein Big Business. Diese Menschen scheren sich nur um Geld, alles andere ist ihnen egal", sagt Ahmad. Warum kommen hauptsächlich Männer nach Europa? Warum lassen die meisten Flüchtlinge Ihre Frauen und Kinder zurück? "Die Flucht ist gefährlich und die Schlepper sind es noch mehr", erklärt Ahmad, "denen ist es egal, ob jemand stirbt. Sie besitzen alle Waffen und schrecken nicht davor zurück, diese auch einzusetzen."

Ahmad erzählt von Vergewaltigungen und Übergriffen. Er und so viele seiner Landsleute wollen ihre Frauen und Kinder dieser Gefahr nicht ausliefern und machen sich deshalb alleine auf den Weg nach Europa - so schwer ihnen die Trennung von der Familie auch fällt.

Griechische Küstenwache ignorierte Notruf


1500 Euro musste Ahmad schließlich für die erste Etappe in Richtung EU an einen Schlepper bezahlen. Per Boot, das für rund 70 Personen zugelassen war, aber auf dem sich 150 Menschen befanden, ging es vom türkischen Izmir über die Ägäis nach Griechenland. Normalerweise dauert die Überfahrt zwischen einer halben und zwei Stunden. Nicht so bei Ahmad. Das Boot geriet in Seenot, und die Flüchtlinge, darunter auch kleine Kinder, trieben 30 Stunden am Wasser. "Der Bootskapitän rief die griechische Küstenwache um Hilfe, ich war beim Gespräch dabei. Aber niemand kam", erinnert sich der Syrer. Schließlich fuhr ein chinesisches Frachtschiff vorbei, das die Schiffsbrüchigen an Bord nahm und nach Griechenland brachte. Dort wurde dann zumindest der für die Überfahrt verantwortliche Schlepper von der griechischen Polizei verhaftet. Ahmad erhielt von der Polizei einen Ausweis. Mit diesem war er berechtigt, sechs Monate in Griechenland zu bleiben. Er wollte aber schon früher weiter, denn das Leben sei für Flüchtlinge in Griechenland sehr teuer, so Ahmad.