Wien. "Früchtchen seid ihr, und Spalierobst sollt ihr werden", schrieb einst Erich Kästner in seiner Ansprache zum Schulbeginn. Diese Vorstellung - dass es einen Prototyp des Schülers gibt - sei im österreichischen Schulwesen immer noch fest verankert, von der Realität aber schon längst überholt worden. Das ist die zentrale Aussage einer hochkarätig besetzten zweitägigen Konferenz der Österreichischen Forschungsgemeinschaft zum Thema "Umgang mit Vielfalt im Bildungswesen", die am Montag in Wien begonnen hat. "Das Schulwesen ist sehr stark auf Homogenität, auf den durchschnittlichen Schüler ausgerichtet", sagte die Bildungsforscherin Christiane Spiel. Das beginne schon damit, dass die Schüler eine wesentlich heterogenere Gruppe darstellten als das Lehrpersonal.

Auch in Sachen Datenlage gibt es große Lücken. So verfügt die Statistik Austria lediglich über Daten zu Migrationshintergrund und Geschlecht der Schüler - mit den bekannten Ergebnissen: Rund 20 Prozent der Schüler in Österreich haben eine andere Muttersprache als Deutsch (davon hat nur die Hälfte nicht die österreichische Staatsbürgerschaft). Mädchen schließen häufiger eine höhere Schule ab als Burschen. Zu wenig Zahlen gibt es allerdings zum sozioökonomischen Hintergrund der Schüler, wie Demograf Bilal Barakat von der Akademie der Wissenschaften beklagte. Auch die Begabungen der Schüler würden von den Statistikern nicht abgefragt.

Nationalstaatsgedanke zu sehr im Vordergrund

Dass die Schule - vor allem beim Migrationshintergrund - zu stark auf die Defizite der Kinder fokussiere, kritisierte auch die Hamburger Bildungsforscherin Ingrid Gogolin. "Die Schule baut auf jener im Nationalstaat des 19. Jahrhunderts auf", sagte sie. Ziel einer zeitgemäßen Schule müsse es sein, "Begabungen abseits vom Normalfall" zu suchen.

Auf die Vorzüge des Individualunterrichts gegenüber dem Unterricht im Klassenverband wies Albert Ziegler, pädagogischer Psychologe an der Universität Nürnberg, hin: Wenn man einen durchschnittlichen Schüler einzeln unterrichtet, gehört er innerhalb eines halben Jahres zu den besten zwei Prozent der Klasse. Ziel müsse es daher sein, alle Schüler innerhalb des Klassenverbands so zu fördern, als erhielten sie Einzelunterricht.

Hoher Bedarf an Individualisierung

Die Ausgangslage dafür ist nicht gerade einfach. Schließlich seien die Leistungsunterschiede "enorm", sagte Ziegler. Im Rahmen einer Studie stellte sich etwa heraus, dass nur zwei von 20 Kindern der sechsten Stufe einen altersadäquaten Intelligenzquotienten aufweisen. Gar 40 Prozent der Kinder waren entweder drei Jahre in der Entwicklung zurück oder drei Jahre weiter vorne. Nach einer Sonderauswertung der deutschen Pisa-Ergebnisse sind die Schüler eines Jahrgangs leistungsmäßig auf fünf bis sechs Schuljahre verteilt. Für Ziegler ist damit klar, dass "der Individualisierungsbedarf viel höher ist, als wir uns das vorgestellt haben".

Um diese Unterschiede auszugleichen, hat Ziegler eine lange Wunschliste an die Politik: Etwa dürften Unterschiede zwischen den Kindern nicht so sehr am Migrationshintergrund als am individuellen Lernkapital festgemacht werden. Auch wünscht sich der Experte eine bessere Lehrerausbildung bei gleichzeitiger höherer sozialer Anerkennung.

Im Unterricht müsse stärker differenziert werden - allerdings sieht er es auch als Aufgabe der Gesellschaft an, die Unterschiede zwischen den einzelnen Schülern zu vermindern. Also doch wieder Spalierobst.