Peter Berczeller fühlt sich Österreich verbunden und kann doch hier nicht leben. - © Andrea Peller
Peter Berczeller fühlt sich Österreich verbunden und kann doch hier nicht leben. - © Andrea Peller

Wien. Am Tag seiner Abreise wollte er unbedingt noch eine Baseball-Kappe kaufen. Denn nur in der Auslage eines Hutgeschäfts in Wien hatte er ein Modell einer Kappe entdeckt, das seinen Anforderungen entsprach. Die Verkäuferin präsentierte ihm die lagernden Kappen, aber das gesuchte Modell war nicht mehr darunter. Die Verkäuferin versuchte, ihm andere Modelle schmackhaft zu machen. Aber er lehnte ab und antwortete mit einem Lächeln: "Glauben Sie mir, ich bin ein Profi, was Baseball-Kappen betrifft."

Flucht und Rückkehr

Dieser Profi ist der Mediziner und Autor Peter Berczeller mit Sicherheit. Hat er doch mehr als 50 Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt und gearbeitet. Seine Eltern und er wurden 1938 von den Nationalsozialisten aus Österreich, aus dem burgenländischen Mattersburg, vertrieben. Auf die Vertreibung folgte eine jahrelange, aufreibende Odyssee, die ihn mit seiner Familie über Frankreich, die Elfenbeinküste, zurück nach Frankreich und Marokko endlich in die Vereinigten Staaten brachte.

Diese Flucht, seine prägenden Kindheitserlebnisse in Mattersburg und die Schwierigkeiten beim Aufbau einer Existenz in Amerika beschreibt Berczeller ungemein präzise und berührend in seinem neuen Buch "Der kleine weiße Mantel", das in diesen Tagen erschienen ist. Die Präsentation dieses Buches hat ihn jetzt auch wieder nach Österreich gebracht. Ebenso wie vor eineinhalb Jahren, im Mai 2012, als ein Buch seines Vaters Richard Berczeller erstmals auf Deutsch erschienen ist. Damals erzählte er der "Wiener Zeitung", dass er mit seiner Frau Helen wieder nach Wien heimkehren werde. "Es ist doch meine Heimat!", betonte er damals. Eine Wohnung war bereits gemietet, ein großer Lkw hatte die Einrichtung aus Frankreich nach Wien gebracht. Alles war zum Bleiben (zumindest für einen Teil des Jahres) eingerichtet. Nach etwas mehr als acht Monaten war dieser Versuch gescheitert. Die Wohnung aufgegeben, die Einrichtung wieder auf dem Weg nach Frankreich. Was ist da schiefgelaufen?

Peter Berczeller, der 1931 in Wien geboren wurde, kann es nicht ganz beantworten. Es waren nicht die sozialen, freundschaftlichen Kontakte vor Ort, die ihm gefehlt hätten. In den Wiener Monaten hatte er viele Menschen kennengelernt und Freunde gefunden. Und machte auch die Bekanntschaft mit zentralen Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gemeinde, wie dem Schriftsteller Doron Rabinovici, der Journalistin Susanne Scholl oder dem ehemaligen Präsidenten der IKG, Ariel Muzicant, mit denen er sich über die politische Situation und die Lebensbedingungen der Juden in Österreich austauschte. Es waren auch nicht antisemitische Ressentiments, die ihn vor den Kopf gestoßen hätten. Davon hätte er gar nichts gespürt, solange er hier gewesen sei, erinnert er sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Rekapitulierend vertritt er die Ansicht, dass er emotional nicht wieder in seine Heimat gefunden hätte. Wobei die Emotionen nicht zu gering gewesen wären, sondern sehr stark. Vielleicht zu stark. Als Gegenbeispiel erwähnt Berczeller seinen Lebensmittelpunkt Frankreich: Da fühle er sich emotional "neutral". Er lebt dort einfach, weil es angenehm ist. In den USA kann und will er nicht mehr leben. Das Kapitel hat er abgeschlossen. Mit Dankbarkeit für die Möglichkeiten und die Karriere, die ihm das Land über Jahrzehnte geboten hat.

Wo ist die Bürgermeisterin?

Und Österreich, seine Heimat? Er fühlt sich dem Land tief verbunden. Eine Verbundenheit, die offensichtlich war, als er das neue Buch in seiner Heimatstadt Mattersburg präsentierte. Das brechend volle Auditorium und das große Interesse an seinen Erinnerungen ließen seine Stimme etwas brüchig werden, als er sich für das Erscheinen der Anwesenden bedankte. Wer jedoch fehlte, war die Bürgermeisterin. Ihre Anwesenheit wäre ein treffliches Zeichen gewesen, unterstützt Peter Berczeller doch den Verein "Wir erinnern", der daran arbeitet, endlich die Geschichte der bedeutenden, ehemaligen jüdischen Gemeinde Mattersburg sorgsam aufzuarbeiten.

Das war nur ein kleiner Mosaikstein, der zum Scheitern seiner Heimkehr beigetragen haben mag. Bei allem guten Willen ist Peter Berczeller das Land Österreich fremd geblieben. Seine Heimat, seine fremde Heimat.