"Wann schreibst Du auch so was?", fragt nicht nur die Mutter den hoffnungsvollen Autor - und meint Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt". Einen Theaterabend lang erleben wir, wie der Romanautor Thomas zusehen muss, wie Freund Daniels Verkaufszahlen astronomisch in die Höhe klettern. Grund genug, in einen Fieber-Albtraum zu taumeln, der in diesem Fall eher ein Alk-Traum ist.

Mit dem autobiographischen Roman "Das bin doch ich" hat es der Österreicher Thomas Glavinic 2007 auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gebracht. Dorthin zu gelangen, davon träumt auch im Roman/im Stück die Hauptfigur Thomas Glavinic. Freilich: "Im Perlentaucher lese ich, dass Daniel der beste Autor seiner Generation ist. Das bin doch ich!"

Glavinic’ Buch avancierte damals zu einem der Lieblinge des Feuilletons, erweckt es doch den Anschein, dass da einer so richtig süffig abrechnet mit dem Literaturbetrieb. Michael Krüger, Chef des Hanser-Verlags, taucht auf, die Literaturagentin Karin Graf, zu den Freunden des Autors rechnet ein buntes Völkchen der Wiener Theater- und Popmusiklandschaft.

Wortschwall, in dem
man mit Genuss duscht

In Graz, wo Thomas Glavinic 1972 geboren wurde, genießt der Autor Lokalmatador-Bonus, wie die Uraufführung zeigte. Jubel für eine sagenhaft temporeiche Theaterarbeit, unter deren Wortschwall man genüsslich duschen kann, ohne sich mit allzu tiefgründigen Hintersinnigkeiten abplagen zu müssen.

Regisseurin Eder hat die Spielfassung erstellt. Es werden keine Pseudoszenen aus dem in Ich-Form gehaltenen Roman destilliert. Der Abend beginnt wie eine Lesung und bleibt eine Ich-Erzählung. Geschlagene zwei Stunden lang redet sich Thomas Frank in der Rolle des Thomas Glavinic in aberwitzigem Tempo den Mund fusselig. In dieser Assoziationenkette an Erinnerungen und Alltagsszenen tauchen reale und fiktive Menschen en masse auf - drei Darsteller geben ihnen vorwiegend karikative Züge.

Die Hauptfigur, der verkrachte Autor, spricht dem Alkohol reichlich zu, und so wird die Sache immer überdrehter. Nicht unwitzig das Bühnenbild von Monika Rovan: eine Wand aus verkehrt herum aufgestellten Kulissenteilen. Da sieht einer den Betrieb von innen, von hinten (ist da ein Unterschied) - und nach vorne kommt er nicht so recht. Irgendwie fühlt man sich zurückversetzt in jene Zeiten, als in Graz die Literaten des Forum Stadtpark Furore machten und der Paradeautor Wolfgang Bauer gerne solch alkoholdurchtränkten Surrealismus mit witzigen lokalen und regionalen Erdungen auf die Bühne brachte. Aber Glavinic ist natürlich anderthalb Generationen jünger (und die Regisseurin ebenfalls) - es dürften keine gezielten Paraphrasen auf Bauers Dramatik sein, eher Glückstreffer.

Blitzschnell von Rolle zu Rolle

In Thomas Franks Ego-Wortschwall hinein geraten drei Mitspieler, die blitzschnell von Rolle zu Rolle wechseln. Meist sind sie überdreht, grell und karikierend gezeichnet, sanguinische Stichwortbringer. Der allgegenwärtige "Daniel", der leibhaftig oder per imaginärem SMS den gerade aktuellen Verkaufsstand der "Vermessung der Welt" durchgibt, ist natürlich ur-seriös (Christoph Rothenbuchner spielt ihn). Nicht unwitzig, diese Roman-Dramatisierung genau eine Woche nach der Uraufführung von Kehlmanns "Geistern aus Princeton" anzusetzen. "Freund Daniel" ist in Glavinic’ Text ja die lebende Messlatte für den literarischen Erfolg und er wird sogar zum Kritiker: "Daniel schreibt über mich. Im ,Spiegel: Glavinic - warum nicht?"