Nach der Premiere in Salzburg bei den Festspielen zuerst ein Heimspiel in Hamburg. Bis die Truppe des Thalia-Theaters endlich in die Wiener Staatsbühne weiterzog mit einem Schauspiel, das wie kein anderes seit "Heldenplatz" die Dauerschmerzgeschichte der Republik verhandelt: "Immer noch Sturm" von Peter Handke, eine Familiensaga als Volkschronik der Kärntner Slowenen, zugleich eine Selbstbefragung nach Ursachen, Form, Wirkung literarischen Schreibens. Das Alter Ego des Dichters auf der Bühne - Jens Harzer als "Ich" - will seine Totenbeschwörung und Lebensbeichte streng auf epischer Linie halten. Doch sie entgleist als Tragödie.

Der Regisseur Dimiter Gotscheff lässt sie nach antikem Muster in verzweifelter Raserei enden: Harzer rennt im überlangen Schlussmonolog buchstäblich im Kreis, gebeutelt von Zorn, Wut, Ekel, Hass. Das ist nicht ganz im Sinne des Erfinders. Im Buch, schon 2010 erschienen als Rollenprosa, endet Handkes gewichtigstes Stück seit "Über die Dörfer" (1981) in brüderlicher Zwiesprache. Denn er setzt penibel Grenzen zwischen "heiligem" Zorn und kleinmachender Wut.

Verzweifelte Raserei

In Anrufungen des Römischen Ritus - Gloria, Lesung, Segen - lässt er in gebotener Diskretion das Mysterium von Bekenntnis, Gnade, Erlösung mitlaufen. Es dürfte nicht in Verzweiflung enden, sondern in Befreiung, auch im Sinn einer Eigentherapie. "Sprache retten ist Seele retten": So verkürzt Handke seine Botschaft auf Plakatformat - und Elias Canettis "Gerettete Zunge" fortschreibend.

Thomas Bernhard färbelte 1988, zum politischen 50-Jahr-Gedenken an den "Anschluss", einen Widergeher aus seiner Serie über jeden Kleingeist erhabener Geistesriesen jüdisch ein; die Debatte der Hinterbliebenen über die Ursachen des Selbstmords dieses "Professor Schuster" geriet zum Scherbengericht über Kellernazi und "katholischen Stumpfsinn", Infamie in Staatsmacht und Medien, über Bürgerliche und Sozialdemokraten.

Dieser Intellektuellenstammtischjammer auf höchstem sprachlichem Niveau tat seine kalkulierte Wirkung als Theaterskandal. Handke provoziert gewiss Kärntner im Heimatdauerdienst, welche die slowenischen Partisanen noch heute Banditen schimpfen. Obwohl die als Einzige im Hitlerreich organisiert militärischen Widerstand leisteten. Helden sind darunter und Grausame, die den Diebstahl eines Stückchens Butter mit dem Tod bestrafen.