Georg Friedrich Händels 40. Oper "Serse" war anno 1738 in London kein großer Erfolg mehr beschieden. Allzu sehr waren wohl die Kenner von der ungewohnten Mischung aus Ernst und Heiterkeit irritiert, wie sie doch einst in der venezianischen Oper gang und gäbe war. Denn schon 1654 hatte dort Francesco Cavalli dieses Libretto vom Perserkönig Xerxes vertont, der sich zuerst in eine Platane und dann in die Angebetete seines Bruders verliebt; Ausgangspunkt für die üblichen amourösen Verwicklungen der Barockoper, die zuletzt doch noch in das obligate Happy End münden. Vom historischen Xerxes, der 480 vor Christus auf seinem Feldzug gegen die Griechen die Dardanellen überschritt, ist dabei nicht viel übrig geblieben.

Genialer Bühnenzauber

Doch anders als dem Londoner Publikum von einst wirkt gerade die Differenz zum starren Schema der Opera seria heute besonders reizvoll, zumal wenn sich daran der ganze Bühnenzauber eines genialen Regisseurs wie Adrian Noble entzündet.

Der ehemalige Leiter der Royal Shakespeare Company hat damit seine prachtvolle Staatsopern-Inszenierung von Händels "Alcina" vielleicht noch übertroffen. Denn was dort im Rahmen eines aristokratischen Zeremoniells verharrte, das quillt hier von prallem menschlichen Leben förmlich über. Ungemein prägnant sind die Charaktere der einzelnen Figuren geformt, und minutiös ist jede noch so kleine Seelenregung herausgearbeitet: Jeder Blick, jede Geste, jede Körperbewegung spricht von der jeweiligen Befindlichkeit der Protagonisten und ihrem komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen qualvoller Leidenschaft und herzhafter Komik. Auf ideale Weise wird er darin durch die Ausstattung von Tobias Hoheisl unterstützt.

Wenn sich der bühnenhohe Zylinder nach beiden Seiten öffnet, gibt er den Blick frei auf eine ungeniert naturalistische, grüne Baumgruppe; auf der Drehbühne wird sich später ihr verdorrtes Pendant zeigen. Damit folgt das Bühnenbild dem Konzept Nobles; dieser sieht das Stück in einer "pastoralen" Tradition Englands, inder-wie insbesondere auch bei Shakespeare-der Wald ein Ort von Freiheit und Verwirrung ist. Hoheisls Kostüme in ihrem originellen Stilmix setzen dem noch ein besonderes Glanzlicht auf.

Reiche Farben im Mezzo



Vollends zur Sensation wird der Abend durch die Leistung der Sänger. Fast möchte man meinen, sie alle noch nie so brillant gehört zu haben: in den mit spielerischer Leichtigkeit abgefeuerten, rasanten Koloraturen ebenso wie in der effektvollen stimmlichen Präsentation extremer Stimmumfänge.

Gleich zu Beginn darf Malena Ernman in Händels wohl berühmtester Arie, "Ombra mai fu", glänzen, in der einstigen Kastratenpartie des Xerxes prunkt sie auch weiterhin mit den reichen Farben ihres Prachtmezzos.

Daneben begeisterten Bejun Mehta als sein Bruder Arsamene mit der klaren Kraft seines Countertenors, Adriana Kucerová als dessen Geliebte Romilda mit ihrem lichten Sopran. Das rechte charaktervolle Timbre für deren intrigante Schwester bietet Danielle de Niese auf, einen markanten Alt Luciana Mancini für die verlassene Verlobte Amastre. Mit sonorem Bass zeichnet Anton Scharinger den eitlen General Ariodante, mit köstlicher Spiellaune Andreas Wolf den Diener Elviro.

Angesichts des überwältigenden Gesamteindrucks wären puristische Einwände gegen die Freizügigkeit, mit der der Dirigent Jean-Christophe Spinosi Händels herrliche Musik behandelt, fehl am Platz. Stets steht dies im Dienst des dramatischen Geschehens; prachtvoll musiziert Spinosis Originalklang-Ensemble Matheus, frisch und lebendig singt der Arnold Schoenberg Chor. Enthusiasmiert und ausdauernd jubelte das Publikum.