Wieder verstehen viele Zuschauer nur Bahnhof, wenn René Pollesch seiner mehrheitlich jugendlichen Fangemeinde einheizt. Seine Irritation hat System. Der Frankfurter Theaterwissenschafter Hans-Thies Lehmann, den Pollesch als Lehrer verehrt, erfand das Etikett "postdramatisches Theater". Das verweigert sich konventionellem Geschichtenerzählen, sperrt sich also gegen Nach- und Weitererzählbarkeit - und damit gegen die Erfolgsstrategie der Kulturindustrie.

Dabei schmarotzt Pollesch selbst im bekannten, beliebten Fundus von Kino und TV-Soap. Im Mechanischen, im sklavenhaft Immergleichen auf diesem hochkapitalistischen Medienmarkt bildet er den Verlust der althumanistischen bürgerlichen Selbstgewissheit und Sittlichkeit ab - der Leitsterne des Theaters seit der Aufklärung.

Textkaskaden in Filmlänge

Mit "Hallo Hotel . . ." kam Pollesch 2004 das erste Mal an die Burg. Also mit dem Portier vom Serien-Hotel Sacher als Titelpaten. Diesmal kündigt das Plakat "Die Liebe zum Nochniedagewesenen" an. Eine charmante Täuschung! Denn seine Textkaskaden und Bildfantasien in Spielfilmlänge von 90 Minuten fußen auf einem Welterfolg von Woody Allen als Intellektuellen-Entertainer: "Sweet and Lowdown" (1999), die fingierte Lebensgeschichte eines Gitarristen Emmet Ray, gespielt von Sean Penn. Emmet Ray eifert Django Reinhardt nach, liebt ein Aschenbrödel namens Hettie und wechselt zur mondänen Blanche.

Das sind auch die vier Namen und Figuren im Set von Polleschs Lieblingsausstatter Bert Neumann. Und wie gewohnt steht auch die Souffleuse sicht- und hörbar dabei. Ort der Fiktion zur Potenz: eine Ballettbühne. Ein akustischer Seesturm peitscht eine Wackelkulisse wie aus dem 19. Jahrhundert. In einem Nachen, der an Seilen über den auf Leinwand gemalte Wogen wippt, Margit Carstensen als Hettie. Sie klagt, im mondänen Flitteranzug, über Krise, Katastrophe, Tragödie - meint aber nicht Euro oder DAX, sondern Erschütterungen im Theater als Echo von Nietzsches Frühwerk "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Geprobt wird "L’Après-midi d’un faune".

Nijinsky mit Bocksfüßen

Der Star im Kostüm von Nijinsky und Nurejew, doch mit Bocksfüßen von Kothurnhöhe: Martin Wuttke. Eine absurde Nummer, bei der Debussys weihevolle Musik jedes Loslachen blockiert. Wollte Pollesch seinen Lieblingsschauspieler nach Abwegen als "Tatort"-Kommissar neu erfinden? Vergessen ist das schüttere nach hinten gekämmte Haar. Wuttke zeigt unterm blonden Wuschelkopf mehr Jugendlichkeit im Gesicht, als chemisch herstellbar. Im Krimi stand er großmächtig im Bild. Hier: klein, gedrungen neben den deutlich größeren Drei - der demimondänen Carstensen sowie Catrin Stribeck und Stefan Wieland mit dünnen Stimmen.

Die Selbstschädigung eines Logorrhoetiker? Denn alles und nichts erfüllen diese Partikel der paradoxen Sinnsuche eines Mannes, der ein "Dazwischen" ausfüllen möchte in einem Leben ohne "Türen", ohne Geburt und Tod. Die Bühnentechnik erlaubt Emmet,das kleine Knötchen in seinem Hirn im Großformat zu reproduzieren: einen meterdicken Schlauch aus gelber Ballonseide, der zum Pulsieren gebracht wird. Zum Darauf-Herumhüpfen wie auf einer Luftburg.

Seit gut zehn Jahren feilt der studierte Theaterwissenschafter Pollesch den ursprünglichen Auflehner-Gestusglatt zu theoriefester Perfektion. Das wäre im Sezierstudio einer Theaterakademie besser aufgehoben als im Repertoire des Akademietheaters. Wo nur bei der Premiere die Phalanx seiner JüngergenugUnterstützung sichert.