In der nordischen Mythologie sind Trolle das negative Pendant zu Feen und Elfen. Folgt man dem Dramatiker Henrik Ibsen, ist es nicht schwer, in die Gemeinschaft der Bösewichte aufgenommen zu werden. Zunächst muss man eine Reihe von Rätseln lösen: Sag meinen Namen und ich verschwinde? - Stille. Denksportaufgaben dieser Art löst Peer Gynt mit Leichtigkeit, einzig bei der letzten, entscheidenden Frage bleibt er eine Antwort schuldig: Was unterscheidet den Troll vom Menschen? Die Trennlinie zwischen Individuum und monströsem Egozentriker macht Peer Gynt sein ganzes Bühnenleben lang zu schaffen. Dreieinhalb Stunden lang quält sich Ibsens berühmte Theaterfigur bei den diesjährigen Salzburger Festspielen auf der Perner-Insel in Hallein - und findet dennoch bis zuletzt aus der Troll-Mensch-Zwickmühle nicht heraus.

Regisseurin Irina Brook verortet Peer Gynts Sinnsuche in der Gegenwart, indem sie dessen Lebensreise als Aufstieg und Fall eines Rockstars erzählt, der unter dem Pseudonym PG Weltruhm erlangt. Der US-Dramatiker Sam Shepard hat Brooks Fassung um zwölf überaus passende Gedichte bereichert, und Iggy Pop hat eigens zwei eingängige Songs ("I’m The Dude" und "Independent Boy") komponiert: Überhaupt könnte der US-Rocker so etwas wie die Blaupause für Brooks Interpretation der Titelfigur sein. Dennoch bleibt die Frage: Eignet sich Ibsens märchenhaft-abgründiges Stück für die klischeehafte Rockstar-Legende?


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Dossier: Salzburger Festspiele
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Hoher Show-Faktor

Das Dilemma der Aufführung: Irina Brook, Tochter von Theaterlegende Peter Brook, wuchtet mit ihrem 14-köpfigen interkulturellen Ensemble ein glatt-geschmeidiges Rockmärchen auf die Bühne, das zwar hohen Show-Faktor aufweist und der Regisseurin bei der Premiere viel Beifall einbrachte, dessen künstlerischer Gewinn dennoch fragwürdig bleibt. Das Fest der Trolle, in das sich Peer Gynt anfangs verirrt, erinnert mit karnevalesken Kostümen - Spitzencorsagen, Paillettenkleider, Netzstrümpfe -, erstaunlicher Choreografie und farbenprächtigem Lichtspiel eher an eine aus dem Ruder gelaufene Rave-Party als an eine erschütternde Begegnung mit Dämonen; sein nächstes Treffen mit den Troll-Weibern absolviert Brooks Gynt als weiteren Discobesuch mit Drogenkonsum. Jene wohl satirisch gemeinte Episode, in der Peer Gynt als gefeierter Rockstar mit nacktem Oberkörper einer dümmlichen Pressemeute grenzdebile Interviews gibt - und dabei hektoliterweise Whisky in sich hineinkippt -, scheint genauso abgegriffen wie jener Auftritt, bei dem der gefallene Weltstar als verwüsteter Wüstling in einer heruntergekommenen Provinz-Bar landet, von einer Tussi im Tigerdress um die letzte Hose gebracht.

Der Glücksfall der Aufführung ist der isländische Schauspieler Ingvar E. Sigurdsson. Dem sensiblen Kraftkerl nimmt man den jungen Peer wie den Greis ab. Sigurdsson ist das Epizentrum des Abends, und wenn gar nichts mehr geht, lässt er seinen massigen Körper auf den Bühnenboden plumpsen, streckt einen Augenblick lang alle viere von sich, um sich nach jedem Tiefschlag erneut aufzurappeln. Als junger Peer ist Sigurdsson ein Träumer und Aufwiegler: Man versteht Solveig, dass sie von diesem Playboy des Nordens angezogen ist. Den skrupellosen Egomanen des zweiten Teils, das Abziehbild eines Rock-stars, kann selbst der bemühte Akteur nur gekonnt kopieren, nicht zwingend charakterisieren. Der alte Mann des Schlussauftritts scheint ihm wieder näher zu sein: Er spielt ihn gleichsam waidwund als verunglückten Glücksritter mit gekrümmtem Rücken. Wie ein ergrautes Kind, ewig staunend über den eigentümlichen Lauf des Lebens.