Vladimir Vertlib. - © Kurt Kaindl/Deuticke Verlag (Ausschnitt)
Vladimir Vertlib. - © Kurt Kaindl/Deuticke Verlag (Ausschnitt)

Diese Rezension beginnt unorthodoxer Weise mit einer Fußnote. Im März 2011 hat Vladimir Vertlib mit mir über die Mohrengassen gesprochen. In der Kleinen nämlich wohnt seine Mutter, während in der Großen ich eine Garçonniere besitze. Damals fragten wir uns, ob es angesichts des Drucks, den die Apologeten der Political Correctness auf das Denkvermögen der öffentlichen Meinung ausüben, nicht bloß eine Frage der Zeit wäre, bis diese beiden alten Gassennamen in der Wiener Leopoldstadt durch moralisch einwandfreie Neubenennungen ersetzt würden. (Die aus dieser Mitteilung möglichen oder nötigen Schlüsse wird die Literaturwissenschaft vielleicht später ziehen.)

Vladimir Vertlibs neuer Roman führt uns einerseits in die Große Mohrengasse (nebst Umgebung), andrerseits in das weite Land der russischen Seele, führt uns zudem sein altbewährten soliden Stilmitteln verpflichtetes und einem tragikomischen Lebensgefühl verbundenes Erzähltalent wieder einmal vor Augen. Vladimir Vertlib ist ein tüchtiger Humorist alten Schlags. Und wie sich’s für einen solchen gehört, will er das Publikum nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären. Jeder ernst zu nehmende Humorist hält sich ja bekanntlich im Grunde seiner Seele für einen Moralisten.


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In Memoriam David Axmann
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In der Großen Mohrengasse wohnt Frau Lucia Binar, und zwar seit ihrer Geburt vor 83 Jahren. Heute ist sie verwitwet und nach einem Unfall einige Zeit gehbehindert, doch geistig frisch und flink geblieben, sodass sie die Gegenwart mit kritischem Argwohn betrachtet. Früher war Frau Binar Lehrerin gewesen, was hinreichend erklären mag, wieso sie imstande ist, in die Rolle einer frischen, flinken, wortgewandten Ich-Erzählerin zu schlüpfen, die mit Verve, Wut und Witz von ihrer Vergangenheit berichtet und die Widerwärtigkeiten des Alltags kommentiert. Lucia Binar möchte in ihrem Geburtshaus in Ruhe weiterwohnen bis zum Tod.

Das aber will der Hausherr namens Willi Neff vereiteln. Er plant (wie der euphemistische Fachbegriff heißt) die Immobilie zu sanieren, das heißt die Altmieter hinauszuekeln, um teure Luxusappartements zu installieren. Neff quartiert Obdachlose und Flüchtlinge ein, die Lärm machen und Gestank produzieren.

Wiewohl Lucia Binar in dem Studenten Moritz (der übrigens eine politisch korrekte Gassennamensänderung propagiert) einen wackeren Mitstreiter im Kampf gegen den Hausherrn findet, wäre auf einen Sieg wahrlich nicht zu hoffen, würde nicht Vertlib als auctor ex machina eingreifen, auf so großmütige wie großartige Weise.