Berlin/Wien. Sonntagabend ist traditionell "Tatort"-Zeit in Deutschland. Doch an diesem Wochenende pausiert die beliebte Krimiserie. Bis zu 20 Millionen Bürger werden dann eine andere Sendung verfolgen, das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz. Sorgt das einzige direkte Aufeinandertreffen der beiden vor der Bundestagswahl für Spannung in einem dahinplätschernden Wahlkampf?

Jeder Fünfte sagt, der Ausgang des 90-minütigen Duells könnte beeinflussen, wo er oder sie am 24. September das Kreuz macht. Das ergab eine Umfrage für den "Stern". Noch dazu hat rund die Hälfte der mehr als 61 Millionen Wahlberechtigten noch keine definitive Wahlentscheidung getroffen. Es sind Zahlen wie diese, an die sich die Sozialdemokraten klammern. Und an das Jahr 2002: Kanzler Gerhard Schröder - heute aufgrund seiner Russland-Nähe umstritten - lag weit hinter dem Herausforderer der Union, Edmund Stoiber. Sogar die Ministerliste hatten die Konservativen bereits parat. Doch dann erreichte das Elbe-Hochwasser Ostdeutschland. Und der Instinktpolitiker Schröder zeigte vor Ort "Leadership in Gummistiefeln", wie die "Zeit" formulierte, sein bayerischer Kontrahent dagegen urlaubte. Letztlich wurde die SPD Erster: mit 0,01 Prozent Vorsprung.

Wehmut ob Schröders Aufholjagd befällt die SPD, wenn sie einen Blick auf die aktuellen Umfragen wirft. Nur 22 Prozent erreicht sie laut am Freitag veröffentlichten Daten der Forschungsgruppe Wahlen. Das sind 17 Prozentprozentpunkte weniger als die konservative Union. Andere Demoskopen sehen den Abstand geringer, doch fehlen der SPD auch gemäß optimistischeren Analysen zumindest 13 Prozentpunkte auf CDU/CSU.

Noch immer Angst vor den "Roten Socken"

"Der Vorsprung der Union ist nicht aufholbar", legt sich Frank Brettschneider fest. Der Professor für Kommunikationswissenschaft und Wahlforscher an der Universität Hohenheim in Stuttgart sieht im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" keine Möglichkeit, wie Schulz entscheidend gegen Merkel punkten könnte - selbst bei Großereignissen, die viele Wähler mobilisieren könnten: "Auf nationaler Ebene würde Schulz nicht davon profitieren, wenn es einen Terroranschlag geben sollte; der hoffentlich nicht eintritt. Bei internationalen Krisen schart sich die Bevölkerung um den Amtsinhaber. Somit bleibt lediglich die Hoffnung, dass ein großer innenpolitischen Skandal auffliegt, in den Angela Merkel direkt verwickelt ist. Und dafür gibt es keinerlei Anzeichen."