Berlin/Wien. Sie wolle politische Weichen neu stellen, sagte Angela Merkel im Bundestagswahlkampf. Dynamik und Wandel schwangen in ihren Worten mit - gefallen im Jahr 2005. Damals waren knapp zwölf Prozent der Bürger ohne Job. Die Verbraucherpreise stiegen stärker als die Verdienste. Das Wirtschaftswachstum betrug weit unter einem Prozent. Und der Frankfurter Aktienindex DAX grundelte um 4900 Punkte. Das Bild von Deutschland als dem "kranken Mann Europas" geisterte durch die Medien. Und tatsächlich löste die Anti-Wahlkämpferin Merkel den infolge seiner Arbeitsmarkt- und Sozialreform Agenda 2010 angeschlagenen SPD-Kanzler Gerhard Schröder ab.

Viele Deutsche kennen keine andere Person an der Spitze der Regierung. Merkel, mittlerweile 63 Jahre alt, schickt sich an, die längstdienende Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik zu werden. Sollte sie nach der Bundestagswahl am 24. September wieder eine Koalition anführen, fehlen ihr nur mehr zwei Jahre auf Konrad Adenauer, zwei weitere auf Helmut Kohl. Beide Politiker haben Deutschland von Grund auf verändert, auch ökonomisch: Unter dem Nachkriegskanzler setzte sein Wirtschaftsminister Ludwig Erhard das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft um. Kohl war nicht nur Vater der Wiedervereinigung, sondern auch Geburtshelfer des Euro. Wo finden sich Merkels Spuren?

Die fixen Wechselkurse waren noch in den 1990ern für eine tiefe Rezession in Deutschland verantwortlich. Denn mehrere Staaten, darunter Italien, Spanien und Portugal, werteten ihre Währungen um bis zu 30 Prozent ab. Die deutsche Antwort: Wettbewerbsfähigkeit der Preise, Lohnverzicht der Arbeitnehmer. Diese Rosskur mutete auch Schröder den Bürgern zu, als sich die Zahl der Arbeitslosen bedrohlich in Richtung fünf Millionen bewegte.

Merkel gestaltet nicht, sie verwaltet das Erbe ihres Amtsvorgängers. Das reicht, um zwölf Jahre später, im August 2017, die Zahl der Jobsuchenden auf 2,5 Millionen gedrückt zu haben. Im Gegenzug erreichte die Zahl der Erwerbstätigen mit mehr als 44 Millionen einen Rekordwert.

Die Kanzlerin kann nicht nur auf die Leidensfähigkeit der Bürger vertrauen. Ihr kommen gleich vier Großtrends zugute, welche das Geschäftsmodell Deutschlands - industriebasiert, dienstleistungsergänzt, exportorientiert - begünstigen und die Wirtschaft in den vergangenen zwölf Quartalen wachsen ließen: Erstens kurbelt der schwache Eurokurs die Exporte an. 252 Milliarden Euro betrug der Exportüberschuss im vergangenen Jahr, Rekord. Im letzten Jahr von Schröders Kanzlerschaft waren es 94 Milliarden Euro weniger. Zweitens sorgte der gesunkene Ölpreis dafür, dass die Unternehmen nicht nur billiger produzieren können. Ihre Waren werden auch zu günstigeren Konditionen transportiert.