Berlin. Ende August hat die NPD auf ihrer Facebook-Seite ein Foto des SPD-Abgeordneten Karamba Diaby gepostet. Daneben stand: ",Deutsche Volksvertreter’ nach heutigem SPD-Verständnis". In Leserkommentaren wurde er als "schwarzer Affe" und "Volksverräter" beschimpft. Diaby stellte Strafanzeige und erklärte: "Ich werde mich nicht einschüchtern lassen". Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihm in Berlin.

"Wiener Zeitung": Sie sind Deutschlands erster schwarzafrikanischer Abgeordneter. Warum wurde das zum großen Thema?

Karamba Diaby: Es ist ein Armutszeugnis für ein Land, das sich als Einwanderungsgesellschaft definiert, dass meine Hautfarbe ein Thema ist. In Deutschland gibt es mehr als 20 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Fünf Prozent der Bundestagsabgeordneten haben Migrationshintergrund. Der Ball liegt aber auf beiden Seiten: Die Mehrheit muss akzeptieren, dass es diese Menschen gibt. Und die Einwanderer müssen sich viel mehr im öffentlichen Raum engagieren.

Warum tun sie das nicht?

Manche trauen sich aufgrund der Erfahrungen nicht, die sie gemacht haben. Aber man muss ihnen klarmachen: Ihr seid Teil dieser Gesellschaft. Junge Leute müssen ermutigt werden, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Dafür braucht es Vorbilder, schon in der Schule. Zurzeit ist es so: Die Klassen sind bunt, die Lehrer nicht.

Sie zogen 1985 aus dem Senegal in die DDR und wohnen immer noch in Sachsen-Anhalt. Hier sind NPD und AfD besonders stark...

Die heutige Gesellschaft ist im Allgemeinen weltoffen und solidarisch. Aber die menschenfeindlichen Tendenzen haben zugenommen, auch durch die rechtspopulistische AfD. Das ist kein Phänomen des Ostens allein und es ist gefährlich, den Osten unter Generalverdacht zu stellen.

Doch die selbsternannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) marschierten zuerst in Dresden auf. Und die rechtspopulistische AfD erreichte ihren Spitzenwert mit 24,3 Prozent bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2016.

Schauen wir auf das zivilgesellschaftliche Engagement, das hat nicht abgenommen. Aber ich vermisse diese lauten, kraftvollen Stimmen wie in den 1990er Jahren, die sagen: Dieses Land ist zu wichtig, als dass man es den Hetzern überlassen dürfte. Damals gab es Lichterketten und Konzerte, einen "Aufstand der Anständigen". Heute werden bei einem Auftritt von Kanzlerin Angela Merkel oder von Vizekanzler Sigmar Gabriel zwei Stunden lang Hassparolen geschrien. Die schreienden Menschen wollen ja gar nicht zuhören und in Dialog treten. Ja, Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber die Würde des Menschen ist unantastbar.

Sie sind unter anderem Mitglied des Bundestagsausschusses für Bildung. Hat die SPD in der Bildungspolitik alles richtig gemacht?

Beim Thema Chancengerechtigkeit ist noch Luft nach oben. Der Erfolg eines Kindes hängt immer noch von der Postleitzahl und vom Geldbeutel der Eltern ab. Die Union blockierte aber immer wieder. Im Bildungsbereich beispielsweise existiert das sogenannte Kooperationsverbot. Das heißt, dass sich der Bund nicht dauerhaft in einem Bundesland finanziell engagieren darf. Dank der SPD gibt es nun zumindest einen Schritt in die richtige Richtung. Das Kooperationsverbot wurde für Hochschulen und Schulen gelockert.

Die Umfragen sehen trist für die Sozialdemokraten aus, die SPD liegt um 22 Prozent, laut einer Umfrage gar nur bei 20 Prozent. Haben Sie noch Hoffnung?

Wir müssen die Herzen und Köpfe der Menschen zurückgewinnen. Und wir kämpfen bis zum Schluss. Es gibt auch Umfragen, wonach wir bei 28 Prozent stehen. Ich versuche, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, und bin Tag und Nacht unterwegs.