Berlin/Würselen. In Deutschland hat am Sonntag die Bundestagswahl begonnen. Rund 61,5 Millionen Stimmberechtigte sind aufgerufen, über die Zusammensetzung des Parlaments zu entscheiden. Der neue Bundestag wählt dann den Regierungschef (Bundeskanzler).

Die seit zwölf Jahren regierende Bundeskanzlerin Angela Merkel bewirbt sich als Spitzenkandidatin von Christdemokraten und bayerischen Christsozialen (CDU/CSU) um eine vierte Amtszeit. Nach allen Umfragen würden diese trotz deutlicher Stimmenverluste mit 34 bis 36 Prozent wieder die mit Abstand stärkste Fraktion stellen.

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Die Sozialdemokraten mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lagen mit 21 bis 22 Prozent weit abgeschlagen auf Platz zwei. Drittstärkste Kraft könnte nach manchen Umfragen die rechtspopulistische AfD (Alternative für Deutschland) mit deutlich mehr als zehn Prozent der Stimmen werden. Die 2013 von Eurokritikern gegründete Partei war bei der Wahl vor vier Jahren noch an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.

Aussichten auf Platz drei haben aber auch die Partei Die Linke und die FDP (Liberale), die nach vierjähriger Abwesenheit ins nationale Parlament zurückkehren dürfte. Kleinste Fraktion würden die Grünen, deren Verbleib im Parlament nach den Umfragen aber ebenfalls sicher scheint.

Da auch die CDU/CSU von einer absoluten Mehrheit weit entfernt ist, wird Merkel zum Weiterregieren einen oder mehrere Koalitionspartner benötigen. Die vergangenen vier Jahren regierte sie in einer Großen Koalition mit der SPD. Ob sich die beiden Kontrahenten noch einmal zusammenfinden werden, ist unwahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen.

Der traditionelle Bündnispartner der Christdemokraten sind die Liberalen, doch ergaben die meisten Umfragen auch für diese Wahl keine Mehrheit für "Schwarz-Gelb" (CDU/CSU-FDP). Denkbar wäre daher auch ein schwarz-gelb-grünes Bündnis ("Jamaika"-Koalition).

Mit ersten Prognosen zum Wahlausgang wird mit Schließung der Wahllokale um 18.00 Uhr gerechnet. Das vorläufige Endergebnis dürfte erst nach Mitternacht vorliegen. Der neue Bundestag muss sich binnen 30 Tagen konstituieren. Mögliche Koalitionsverhandlungen dürften aber deutlich länger dauern. Erst nach deren Abschluss stünde im Bundestag die Kanzlerwahl an.

Im Wahlkampf hatte Merkels Herausforderer Schulz versucht, mit dem Thema soziale Gerechtigkeit zu punkten. Kanzlerin Merkel, die bei Kundgebungen vor allem im Osten Deutschlands häufig von rechten Gegendemonstranten ausgepfiffen wurde, warb für die Fortsetzung ihrer Politik. Sollte sie bis 2021 weiterregieren, würde sie mit 16 Regierungsjahren mit Helmut Kohl (1982-1998) gleichziehen, dem bisher am längsten regierenden Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.