"Dark Material": die Künstlerin Monika Grzymala bei ihrer Performance in Krems. - © David Visnjic
"Dark Material": die Künstlerin Monika Grzymala bei ihrer Performance in Krems. - © David Visnjic

Krems. Die Konstellation ist nicht von ungefähr stimmig. Zum einen wird dem US-Choreografen Jeremy Wade attestiert, in seiner Arbeit vor allem körperliche Extremzustände auszuloten. Zum anderen sind Xiu Xiu als mit der Live-Vertonung beauftragte Band exklusiv auf den Abgrund und entsprechend zwischen Hysterie und Drama angesiedelte Stimmungslagen gebucht. Gemeinsam mit der Künstlerin Monika Grzymala wiederum steht man dem Donaufestival gut zu Gesicht, das neben neuen performativen Ausdrucksmöglichkeiten immer auch auf die Verschränkung der Spielarten setzt. Die Grenzen sind fließend.

Ein Balance-Akt

Im Forum Frohner in Krems werden solchermaßen die buchstäblichen Verhältnisse zum Tanz gebracht. "Dark Material", das zu Xiu Xiu insofern bereits auch vom Titel her passt, als deren Mastermind Jamie Stewart als Mann gilt, dessen Licht der Schatten ist, erkundet die zwischenmenschliche Beziehung über das drohende Scheitern einer Paarkonstellation. Das Stück wird dabei in doppelter Hinsicht zum Balance-Akt: Vom vorsichtigen Sich-Umräkeln geht es hin zum Nahkampf der Geschlechter. Die überwiegend in Zeit- bis Superzeitlupentempo durchgeführten Bewegungen verstärken das Gefühl eines Drahtseilakts in Sachen Gleichgewicht. Wird am Ende doch alles aus den Fugen geraten?

Xiu Xiu, passend zum Raum in schwarz-weißer Arbeitskleidung - Konflikte kennen kein als Dazwischen betrachtbares Grau -, unterstützen die Dramaturgie mit erhöhter Dynamik. Die im "Vorspiel" unbehaglich durch den Raum dröhnende Bassdrum wird von enigmatischem Glöckchengeläut abgelöst; je intensiver die Reibung auf dem Parkett wird, desto nachdrücklicher behandelt auch die Band ihre Gerätschaft. Kein Wunder, dass es hier bald zittert, kein Wunder, dass es bebt. Mit heftigen, das Auditorium auf den Sesseln massierenden Bassattacken, Noise-Schlieren und Sounds, die Grzymalas anfängliche Klebeband-Installierungen reflektieren, geht das Ergebnis, wie von Xiu Xiu gewohnt, konsequent bis an die Schmerzgrenze. Das Spiel mit dem abrupten Bruch hinterlässt ein verzweifeltes und erschöpftes Atmen im Raum. Zum Schluss ist auch der Boden schwarz - oder ein letzter Abgrund, der sich geöffnet hat.

Mit ihrem Konzert im randvollen Stadtsaal erklären Xiu Xiu später hingegen ihre Kernkompetenzen im melodramatischen Popsong, der Obsessionen, Gewalt und den Tod umkreist; wobei diesmal weniger zutage tritt, dass diese Band allen störrischen Begleitsounds zum Trotz wunderbar eingängige Stücke schreiben kann. Mit dem live noch widerständiger vorgetragenen Material des aktuellen Albums "Angel Guts: Red Classroom" bleibt alles schwierig. Stewarts ohne Vorwarnung ausgestoßene Schreie dringen wie Messerspitzen durch die Trommelfelle der Hörerschaft. Im Verbund mit der IG Metall zu Ehren gereichenden Schleifgeräuschen, Shayna Dunkelmans auf Angriff gestimmtem Schlagzeug und pluckernden und tuckernden Synthesizern von anno dazumal hört man Songs, die ihre Verortung zwischen "double penetration and double suicide" mit Titeln wie "Black Dick" oder dem gemeinsame Selbstauslöschung behandelnden "New Life Immigration" erklären. Nur ob Stewarts grimmiger Blick mit den technischen Problemen zu Beginn zu tun hat, Pose oder - wie eine Begegnung beim Spaziergang durch Krems nahelegt - natürlicher Extremzustand ist, bleibt offen.