Zunächst einmal ist es so, dass die Säkularisierung der einstigen Minoritenkirche zum "Klangraum Krems" gründlich daneben ging. Als audiophile Minderheit in der echten Welt verschmelzen Donaufestival-Jünger hier erst recht zu einer Glaubensgemeinschaft, die in Ehrfurcht zu Boden geht, wenn sie ihrem Gott - dem allmächtigen Donnergott! - huldigt, ihn bittet, ihr den ewigen Unfrieden zu geben ...

Am Sonntag demonstriert diesbezüglich zunächst Peter Kutins Auftragswerk "Decomposition I-III" mithilfe von Field Recordings, wie Drone-Musik aus Natur und Technik entsteht. An verlassenen, abgelegenen, also oft akut menschenfeindlichen Orten zwischen ehemaligen Kupferminen, Gletschergipfeln oder der Atacamawüste spielen Wind und Wetter heiligen Lärm, Stahlkabel dürften das Frühwerk der Einstürzenden Neubauten interpretieren - und man lernt, dass japanische Noise-Musik durchaus Anleihen bei Riesenteleskopen nimmt, wenn diese am Abend kalibriert werden müssen! Über zentrale Donaufestivalsujets wie das schwärzeste Schwarz, den lautesten Lärm und ein auf Beklemmung gepoltes Bauchgefühl, das am Ende auch aus den Ohren pfeift, reicht Kutin einen mächtigen Hörfilm, der wirkt. Angst ist ein Tod in der Gletscherspalte.

Danach wird allerdings Licht benötigt. Oliver Stotz, gleichfalls Teil der heute im Zentrum stehenden Plattform klingt.org, der international vernetzten heimischen Experimental-Spielwiese mit der vielleicht aussagekräftigsten Web-Domain aller Zeiten, gibt Steve Reichs "Music For Pieces Of Wood" gewitzt als im Live-Videoloop agierende Fünfmannkapelle, die nur aus ihm selbst besteht. Das ist gut, weil der Schmäh heute am Donaufestival ansonsten vollkommen abgeschafft wäre. Alle schauen immer sehr ernst. Am Ende ist das Leben vorbei und wir sind alle tot! Tony Buck, John Butcher und Burkhard Stangl charmieren mit noktambul-frei(geistig)em Jazz im emphatischen Vortrag. Nicht zuletzt aber Susanna Gartmayers beim Spaziergang durch den Klangraum absolvierter Auftritt gerät als offen-fragile, beschützt sein wollende Saxofonsoloperformance zwischen Abstraktion und Unmittelbarkeit zu einem Höhepunkt. Mit Dieb13 obliegt es dann dem klingt.org-Gründer selbst, uns mit Turntablenoise und verstärkter Vinylzerschabungsmusik erneut die Frisur aufzustellen. Man hat Glück. Das Dach des Klangraums ist sehr robust!

Im Stadtsaal wärmen Xylouris White als eklektisch zwischen Post-Rock und griechischer Lautenfolklore geschulte Frisurenzwillinge teils im freien Jam für den von endzeitlichen Drones eingeläuteten und unterbrochenen, monolithischen Entladungsrock von Godspeed You! Black Emperor aus Montreal auf. Während dieser gut zwei Stunden lang sonische Schönheit aus ohrenbetäubender Lautstärke freischält und so nicht nur die Verstärker zum Glühen bringt, mag es zwar zu Überschneidungen zu den Wien-Konzerten von 2011 und 2012 kommen. Dank eines gewohnt atemberaubenden Vortrags zwischen Streicherbeiwerk, Schraubenziehergitarren und einer an airbusstarke Turbinen erinnernden Antriebsrhythmik sowie auch aufgrund des nun zur Gänze gegebenen neuen Albums "Asunder, Sweet And Other Distress" allerdings regiert einmal mehr die Erleuchtung: Lichter als im Walzertakt von "Peasantry Or ’Light! Inside Of Light!" hat diese Band noch nicht geklungen. Alles. Ist. Gut!