Was im Rock die Vorsilbe "post", ist in der elektronische Musik das Wort "intelligent": beide bezeichnen eine reflektierte, vor allem dekonstruierende Form des Komponierens – vor allem für Kopfmusik auf der Couch. So geschehen in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als nicht nur Rockmusik sondern auch Techno vertrackter und komplexer wurde, angereichert mit Elementen der Minimal Music, der Neuen Musik, des Jazz oder auch der Musique concrète. Verantwortlich dafür waren unter anderem Musikern wie Squarepusher, Oval, Carsten Nicolai oder Autechre - Techno war plötzlich nicht mehr reine Tanzmusik, sondern funktionierte vor allem über Kopfhörer.

Doch wie benennen? Weder die Bezeichnungen Ambient traf, noch Trance. Das britische Label Warp half nach, und der Begriff "Intelligent (Dance) Music" war geboren. Ein allerdings nicht unproblematischer Begriff, indem er unterstellt, andere Musiken seien nicht intelligent. Und so wurde allein durch den Namen Musik einmal mehr zu einem Element schichtspezifischen Hörens, zur sozialen Distinktion.

Fotostrecke 16 Bilder

Links
Donaufestival
Autechre
Ryoji Ikeda
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Aber Autechre, das sind die beiden Engländer Sean Booth und Rob Brown, scheren sich ohnehin nicht um solche Bezeichnungen, wie sie immer wieder betonen. Ihre Musik durchziehen vor allem Strukturen aus House, Techno und Drum 'n Bass, dabei verzichten sie auf durchgängige Beats: Sie zerstückeln was geht, indem sie musikalische Strukturen in ihre winzigsten Elemente zerlegen und diese neu zusammenfügen. Und mit ihrem Spiel mit Frequenzen sorgen Autechre vor allem live für impulsive und besonders physische Erlebnisse.

Soundscanner

Sounds, die wie ein Scanner den ganzen Körper erfassen, von den Füßen angefangen über Oberköper, die sich über das eigene Klopfen des Herzens legen und es für Sekunden scheinbar außer Kraft setzten, bis hin zum Kopf, und dem Gefühl, dass es einem in Kürze die Stöpsel aus den Ohren schnalzt. Ein intensives Erlebnis, das das Autechre am letzten Tag des heurigen Donaufestivals in Krems bot. Neben dem "Soundscanner" durchzog ihr Auftritt allerdings auch ein in kurzen Ansätzen tanzbares Set, vor allem dann, wenn Rhythmen und Beats derart aneinander trafen, dass kurz der Eindruck einer Melodie entstand, der dann aber gleich wieder schnurstracks durch Verschachtelung und Dekonstruktion zerstört wurde.


Abgesehen von Autechres musikalischen Ursprüngen aus dem Detroit-Techno haben sie auch dessen Abgrenzung des Musikers von der Musik beibehalten. Damit soll Musik von der nichtmusikalischen Last befreit werden, um eine Autonomie zu ermöglichen, die sich weder nach Aussehen noch nach Selbstdarstellung richtet. So sah man Autechre auch in Krems nicht an ihren Laptops werken, kein Bühnenlicht, keine Spots auf die Musiker, keine Visuals.

Materialisierte Zahlen und Ziffern

Schon vor dem Auftritt von Autechre hatte Musik Vorrang vor jeglichen Selbstdarstellungstendenzen: So trat auch Ryoji Ikedas in den Hintergrund, zugunsten seiner teils hypnotischen parallelen Lichtkompositionen, die einen regelrecht in die Musik eintauchen, ja gar Teil davon werden ließen. Der japanische Komponist und Computermusiker materialisiert Zahlen und Ziffern in audio-visuelle Werke. Dabei reduziert er auf kleinste Dateneinheiten, die er dann auch manipuliert: bei Sounds sind das Sinuswellen und Impulse, bei Licht wiederum Pixelpunkte. Zeit und Geschwindigkeit dienen als Struktur und verdichten sich einmal mehr, einmal weniger ineinander zu Soundgewebe. Sie sind durchsetzt von kurzen, hellen Piepsern, von weißem Lärm und tiefen Sinuswellen, vibrierenden Bässen und perkussiven Klicks.

Das Resultat dieser Vorgangsweise konnte in Krems bestens mitverfolgt werden: audio-visuelle Stücke nämlich, die durch äußerst schnelle Bildfolgen und unterschiedliche Bit-Tiefen auch die Wahrnehmung herausforderten. Ikedas Live-Kreationen übersetzten einmal mehr Hören in Sehen. Sie klangen zwar nicht so kristallklar wie auf CDs, aber es wurde geradeaus gezeigt, dass es Ikeda nicht um Melodie oder Bedeutung geht, sondern um die Essenz ebendieser, um die Erfahrung des Hören, um Genuss ohne Abschweifungen.