Der Beitritt Österreichs zur EU im Jahr 1995 hat dieses Land und seine Menschen geprägt. Viele Leben wären anders verlaufen, hätte die Bevölkerung damals mit "Nein" entschieden. Die Personenfreizügigkeit bietet viele neue Chancen, das gilt auch für Menschen, die aus dem EU-Ausland nach Österreich gezogen sind. Für Unternehmen haben sich neue Märkte erschlossen, Förderungen aus Brüssel einen Strukturwandel unterstützt. Wie hat sich das Land verändert? Wie haben sich die Biografien verändert? Eine Nachfrage in fünf Porträts.

Susanne Hofmarcher, Randegg/Paris

Susanne Hofmarcher wohnt und arbeitet seit sechs Jahren in Paris. - © Rosner
Susanne Hofmarcher wohnt und arbeitet seit sechs Jahren in Paris. - © Rosner

Die Gemeinde Randegg liegt ziemlich genau dort, wo man den Mittelpunkt des Mostviertels festmachen würde. Bezirk Scheibbs, knapp unter 2000 Einwohner, die "Perle des kleinen Erlauftals", wie der Gemeinde-Website zu entnehmen ist. Überregional ist es am ehesten dafür bekannt, dass hier der Brautmodenspezialist Steinecker beheimatet ist, der auch Filialen in Wien, Graz und Salzburg betreibt. Und es ist auch der Ort, in dem Susanne Hofmarcher aufgewachsen ist, in dem sie die Volkschule und danach die Hauptschule besucht hat. Das war vor etwa 20 Jahren.

Heute lebt Hofmarcher in der Antithese zu Randegg, in Paris. Mit zwölf Millionen Einwohnern ist es hinter London die größte Metropolregion der EU. Hofmarcher wohnt und arbeitet seit sechs Jahren in Paris, wobei sie gar nicht so selten auch ganz woanders ist. Das bringt ihr Job mit sich. Für die Grand École HEC, eine Elite-Universität für Unternehmensführung und Betriebswirtschaft, bereist sie Europa und Afrika, sie präsentiert die Einrichtung, wirbt, so wie andere Top-Universitäten in der EU, um die besten Studierenden.

Zwischen Randegg und Paris gab es mehrere Zwischenschritte. Da war zum Beispiel das Gymnasium in Waidhofen an der Ybbs, auch nicht selbstverständlich und umständlich. Da war die Universität in Wien, auf der Hofmarcher Politikwissenschaft studiert hat. Und vor allem war da die Zwischenstation Kopenhagen. Über das Erasmus-Programm der EU konnte Hofmarcher zwei Semester an einer angesehenen Universität in Dänemark studieren. "Ohne dieses Stipendium wäre das für mich unmöglich gewesen", sagt sie. In Wien hatte sie nebenbei arbeiten müssen, um sich das Studium finanzieren zu können.

Bis zum Vorjahr haben bereits mehr als 110.000 Österreicherinnen und Österreicher durch Erasmus an einer Uni im EU-Ausland studieren können, umgekehrt steigt auch der Anteil ausländischer Studenten in Österreich beständig. Für Hofmarcher war dieser Auslandsaufenthalt wegweisend und einschneidend. "Ich habe Wien auf einmal mit anderen Augen gesehen", erzählt sie. Und Hofmarcher nutzte dann noch einmal ein EU-Förderprogramm, um in Frankreich ein Praktikum zu absolvieren. Dafür gibt es das "Leonardo"-Programm.

Dass Hofmarcher, Jahre später, nach diversen Jobs und einem weiteren Master-Titel an der Sorbonne, wieder an einer Bildungseinrichtung gelandet ist, noch dazu bei einer Grand École, stellt für sie die "Weiterführung von Erasmus" dar. Nun bereist sie verschiedenste Länder, mehr als 20 pro Jahr, und trifft dort junge Menschen, die ein MBA-Studium an der HEC erwägen, die, wie sie einst, den Entschluss gefasst haben, ins Ausland zu gehen.

Susanne Hofmarcher aus Randegg, aus Wien, aus Paris, ist zu einem "International" geworden. Sie hat schon in Bordeaux gelebt, arbeitete dazwischen wieder in Wien, ehe sie dann erneut nach Paris zog. Damit unterscheidet sie sich gar nicht so sehr von vielen ihrer Freunde. Immer wieder kommt sie auch nach Wien zurück, für ein paar Tage, die Stadt ist ihr ein Rückzugsort geworden, auch Heimat, und viele ihrer Freunde, hier wie dort, sind junge Menschen, die ein oder mehrere Male in ein anderes Land gezogen sind. Hofmarcher gehört damit jener Generation an, die mit der EU aufgewachsen ist, ihr positiv gegenübersteht und die auch selbst die Vorzüge eines geeinten Europas selbst erlebt hat. Oder nach wie vor erlebt.

Ein Schlüssel dafür war bei Hofmarcher eindeutig höhere Bildung. Es gibt zwar auch Austauschprogramme für Lehrlinge, doch haben an diesen bisher insgesamt weniger junge Menschen teilgenommen als Studierende an Erasmus allein im vergangenen Jahr. Und es geht beim Fachkräfteaustausch meistens auch nur um ein paar Wochen Auslandserfahrung.

Ohne das Erasmus-Jahr in Kopenhagen wäre Susanne Hofmarcher wohl nie nach Paris gezogen, und ohne das Studium in Wien hätte sie wohl auch nie diese Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, in einem anderen Land zu leben, sie hätte nicht viele ihrer heutigen Freunde kennengelernt und keine zweite Fremdsprache erlernt. Und das alles, weil sie unbedingt studieren wollte, als Erste in ihrer Familie zu höherer Bildung gelangt ist. "In der ganzen Familie waren es eigentlich immer die Frauen, denen Bildung und Status wichtig war", sagt Hofmarcher.

Johann Wöhrer, Wien

Johann Wöhrer ist Chefinspektor in Meidling. Eigentlich könnte er längst in Pension sein, doch er will noch nicht. - © Rosner
Johann Wöhrer ist Chefinspektor in Meidling. Eigentlich könnte er längst in Pension sein, doch er will noch nicht. - © Rosner

Als die österreichische Bevölkerung 1994 über den EU-Betritt abzustimmen hatte, bündelten sich die Hoffnungen und Ängste der Menschen über die bevorstehende Zäsur. Die SPÖ, die den Beitritt forcierte, versprach auf ihren Plakaten "mehr Sicherheit", die FPÖ schrieb: "Nein, zur grenzenlosen Kriminalität". Was ist seither geschehen?

Johann Wöhrer ist Chefinspektor in Meidling. Eigentlich könnte er längst in Pension sein, doch er will noch nicht. Sein Beruf macht ihm zu viel Freude, um ihn schon hinter sich zu lassen. Vor zwei Jahren wurde er vom Innenministerium für sein Lebenswerk geehrt. Und Wöhrer ist nach wie vor auch im Außendienst tätig, obwohl er auch das nicht mehr müsste. Seit 2008 leitet er die Polizeiinspektion in der Hufelandgasse, davor war er 25 Jahre im 13. Bezirk tätig.

Begonnen hatte Wöhrer seine Laufbahn im Jahr 1974, ebenfalls in Wien, in Neubau, doch es war ein anderes Wien und der siebte Bezirk damals weit von der gehobenen Lässigkeit der Jetztzeit entfernt. Es sei damals dort schon wild gewesen, sagt Wöhrer, "die Zuhälter, die Prostituierten…"

Auch die Statistik ist beeindruckend. Im Jahr 1974 wurden in ganz Österreich etwa 40.000 Personen wegen Verbrechen gegen "Leib und Leben" verurteilt, im Jahr 2016 waren es weniger als 6000. Darin lässt sich zwar auch eine andere Spruchpraxis der Gerichte ablesen sowie die eine oder andere Justizreform. Aber es sagt auch etwas über gesellschaftliche Entwicklungen aus.

Doch es war auch sonst vieles anders. "Strafrechtliche Delikte sind fast nur von österreichischen Staatsbürgern verübt worden", erzählt Wöhrer. Es gab die "Stammkunden", von denen die Polizei genau wusste, wann sie wieder einmal draußen waren. Im Einbruchsfall der Fälle hat man sie daheim besucht und nachgefragt, wo sie denn zur Tatzeit waren. Die Polizisten waren damals auch noch eine respektierte Autorität.

Als Wöhrer 1982 nach Hietzing wechselte, sah er schon ein anderes Wien. Doch auch die Insel der Seligen änderte sich in den 90er Jahren. Erst der Zusammenbruch des Ostblocks, dann kam der EU-Beitritt, Grenzen bekamen in Europa eine andere Bedeutung. "Die Einbruchsdelikte sind extrem gestiegen, da hatten wir viel Arbeit." Die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen war zum Zeitpunkt des Beitritts auf etwa 20 Prozent gestiegen.

Und auch Einbrüche in Autos sowie Diebstähle von diversen Kraftfahrzeugen und Fahrrädern stiegen rasant an, doch es ebbte alles wieder ab. Die Polizei reagierte auf die neuen Herausforderungen, ebenso der Gesetzgeber sowie die Bevölkerung, die andere Präventionsmaßnahmen traf. Seit 2009 hat sich in Österreich die Zahl der angezeigten Einbruchsdelikte beinahe halbiert, beim Kfz-Diebstahl gab es in diesem Zeitraum sogar einen Rückgang um 70 Prozent.

Offene Grenzen mögen Verbrechern, und hier besonders international agierenden Banden, Vorteile bieten. Denn auch für sie öffneten sich durch die europäische Integration die Märkte. Die Polizeiarbeit internationalisierte sich aber auch. Wenn Wöhrer einen Tatverdächtigten in seiner Inspektion erkennungsdienstlich behandelt und die Fingerabdrücke abnimmt, kann es passieren, dass sich das Bundeskriminalamt meldet, da genau diese Fingerabdrücke schon in einem anderen EU-Land an einem Tatort gefunden wurden. Oder es fällt bei der Datenabfrage auf, dass ein Haftbefehl in einem anderen Schengen-Land vorliegt. Im Jahr 2000 gab es im Schengen-Ausland 84 Festnahmen aufgrund eines österreichischen Haftbefehls, 2016 wurden es 561 Festnahmen. Auch die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Behörden in den EU-Ländern hat sich gebessert.

Die "Kundschaft" von Wöhrer und seinen Kollegen hat sich jedenfalls stark internationalisiert, wobei das nicht nur der EU geschuldet ist. Der Anteil ausländischer Tatverdächtiger liegt heute doppelt so hoch wie 1995, bei etwa 40 Prozent. Und noch etwas hat sich verändert: der Respekt gegenüber der Polizei. Obwohl in den wilden Jahren Wiens ein "Widerstand gegen die Staatsgewalt" nur selten Bestand hatte, die Polizisten heute besser geschützt sind, steigt die Zahl der verletzten Beamten stetig. Johann Wöhrer ist davon verschont geblieben. In 44 Jahren wurde er kein einziges Mal verletzt.

Heinz Peter Krammer, Stegersbach

Seit fast 20 Jahren ist Heinz Peter Krammer Bürgermeister von Stegersbach. - © Rosner
Seit fast 20 Jahren ist Heinz Peter Krammer Bürgermeister von Stegersbach. - © Rosner

Wer in der Erde nach Öl sucht und Wasser findet, hat nicht gerade den Jackpot geknackt. Retrospektiv betrachtet waren die Probebohrungen vor rund 40 Jahren in Stegersbach aber durchaus Gold wert. Zwar nicht für die "Österreichische Mineralölverwaltung", die damalige ÖMV, wohl aber für die Gemeinde. Rund eine Viertelmillion Thermenbesucher jährlich entspannen in den warmen Quellen Beine, Rücken und Seelen.

Seit fast 20 Jahren ist Heinz Peter Krammer Bürgermeister von Stegersbach. An den Wänden seines Büros zeugen Fotos von sportlichen Erfolgen hiesiger Mannschaften, der Volleyballerinnen, der Fußballer, vor allem aber der besten Inline-Hockeymannschaft Österreichs, der Tigers Stegersbach. Die Fotos wären wohl nie geschossen worden, hätten vor 24 Jahren nicht zwei Drittel der Österreicher für den EU-Beitritt gestimmt. Gut möglich, dass auch Krammer nicht vier Mal in seinem Amt bestätigt und dabei jeweils mit absoluter Mehrheit ausgestattet worden wäre. Und vermutlich wäre auch das in Lilatönen gehaltene Gemälde über seinem Schreibtisch, das sich dem Golfsport widmet, nie gemalt worden.