Kunstpreise wird das Bild zwar nicht mehr gewinnen, doch es symbolisiert den Wendepunkt für Stegersbach in seiner Entwicklung zu einer florierenden Tourismusgemeinde. Und am Anfang war eben Golf, also konkret der Bau einer großen Golfanlage. Obwohl das damals, knapp nach dem EU-Beitritt, für die Menschen in Stegersbach eine ähnliche Enttäuschung war wie der Thermalwasserfund für die OMV.

"Die Gemeinde ist geprägt von Landwirtschaft und Gewerbe, mit Golf hatte sie nichts zu tun. Darum war die Bevölkerung dagegen", erzählt Krammer. Jahrelang hatte sie neidvoll ins nahegelegene Bad Waltersdorf und nach Loipersdorf geblickt, wo bereits Thermen entstanden waren. Doch in Stegersbach passierte jahrelang: nichts. Und als dann doch ein Projektbetreiber kam, wollte der nur einen Golfplatz bauen.

Gefragt wurde die Bevölkerung damals, in den 90ern, aber nicht. Was, rückblickend, ein Glück war. "Heute wäre das unmöglich", sagt Krammer. Projekte dieser Größenordnung sind ohne Einbindung der Bewohner nicht mehr zu realisieren. Doch vor gut 20 Jahren war die politische Kultur noch eine andere, die Menschen grummelten zwar, gründeten aber nicht gleich eine Bürgerinitiative. Und der Golfplatz wirkte. Nur wenige Jahre später wurde die Therme doch gebaut, dazu nach und nach eine Hotellandschaft mit heute 1200 Betten.

Elf Jahre lang war das Burgenland ein sogenanntes "Ziel-1-Gebiet" der EU. Fast eine Milliarde Euro aus EU-Förderungen flossen in das damals nur schwach entwickelte Bundesland. Investoren erhielten für ihre Projekte ein Drittel der Kosten als nicht rückzahlbare Zuschüsse aus Brüssel, Bund und Land zahlten mit. "Machbarkeitsstudien wurden teilweise zur Gänze von der EU finanziert", erzählt Krammer. Der Tourismus sei auch die einzige Möglichkeit für die wirtschaftliche Entwicklung der Region gewesen, sagt der Bürgermeister: "Wir haben nie Industrie gehabt."

Der Strukturwandel hatte schon vor Jahrzehnten die Männer zu Wochenpendlern gemacht. "Die Frauen bewirtschafteten den Hof, die Männer fuhren am Montag nach Wien zur Arbeit und kehrten am Freitag zurück. Auch bei Krammers Familie war es so. Die Mutter daheim, der Vater, ein gelernter Bäcker, am Bau in Wien. Es war ein hartes Leben und unfassbar viel Arbeit. Im Jahr 1980 lag die Lebenserwartung der Menschen im Burgenland durchschnittlich drei Jahre unter jener der West-Österreicher, nirgendwo wurde früher gestorben. Das hat sich deutlich gebessert, die Differenz hat sich auf ein Jahr reduziert.

Krammer gehört jener Generation an, die dieses Leben nicht mehr führen wollten. Er machte die Matura und begann beim Verkehrsbetrieb Südburg zu arbeiten. Er wurde erst Fahrdienstleiter, dann Betriebsleiter, heute ist er Geschäftsführer. Er organisiert das Pendeln, das nach wie vor hier verbreitet ist. Aber auf Tagesbasis. Formal ist auch Krammer selbst ein Pendler, da sein zweites Büro (neben dem Stegersbacher Rathaus) in Oberwart liegt. Das ist zwar nahe, aber bereits die Hauptstadt des Nachbarbezirks.

Ohne das Thermalwasser, die Förderungen, die Investitionen und die Hotelbauten wäre für die Gemeinde ein weiteres Problem hinzugekommen: Abwanderung. Vor dem EU-Beitritt war sie bereits Realität, die Bevölkerung schrumpfte. Seither wächst sie wieder. "Die Therme hat direkt 600 Arbeitsplätze geschaffen, dazu viele bei Zulieferern. Und es ist Infrastruktur gebaut worden." Stegersbach hat in Straßen, Abwasserleitung und Wasseraufbereitung investiert, hat Sportstätten errichtet und konnte im Jahr 2008 die Fußball-Nationalmannschaft während der Euro bewirten. Rund eine Million Euro nimmt die Gemeinde an Kommunalsteuer ein, das ist beachtlich. Zum Vergleich: Das gleich große Wiesen bei Mattersburg nimmt jedes Jahr 160.000 Euro an Kommunalsteuer ein.

Die verbesserte Einnahmensituation bietet Stegersbach nun auch Möglichkeiten der Weiterentwicklung. "Wir haben noch große Aufgaben", sagt Krammer. "Wir sind keine Bauerngemeinde mehr, sondern eine Tourismusgemeinde." Und eine solche hat auch andere Vorstellungen, was das Ortsbild betrifft. Die Hotels, die Therme und die Golfplätze liegen etwas abseits und erhöht, ins Ortszentrum kommen nur wenige. Allerdings bietet das auch zu wenig für anspruchsvolle Gäste. Also wird weiter investiert, um Therme und Dorf stärker in Kontakt treten zu lassen. Das könnte dann wieder Geschäftsleute anziehen und Gastronomen und die Attraktivität für Besucher und Bewohner erhöhen.

Auch wenn das Burgenland kein "Ziel-1-Gebiet" mehr ist und es keinen privilegierten Zugang mehr zu Förderungen aus Brüssel gibt, unterstützen EU-Mittel nach wie vor. Die aktuelle Förderperiode läuft 2020 aus, schon jetzt wird die neue Periode verhandelt. Österreichs Regierung will künftig nicht mehr Geld nach Brüssel schicken, obwohl Großzahler Großbritannien die EU verlässt. Die Kehrseite: Das würde man wohl auch in Stegersbach spüren.

Martina, Nitra/Wien

In Wien hat sich wahnsinnig viel verändert. Wie ich hergekommen bin, war die Stadt nicht so voll", sagt Martina. - © Rosner
In Wien hat sich wahnsinnig viel verändert. Wie ich hergekommen bin, war die Stadt nicht so voll", sagt Martina. - © Rosner

Nitra, irgendwann im Jahr 2004. Es war das Jahr, als die Slowakei sowie neun andere Länder im Norden, Osten und Süden Europas der EU beitraten. Martina, 23 Jahre alt, kündigt ihren Job in einem Produktionsbetrieb in der Slowakei, fährt nach Hause, packt ihre Sachen, am nächsten Tag ist sie in Wien. "Meine Mutter hat sich schon Sorgen gemacht."

Auf die Idee mit Wien hatte Martina damals eine Freundin gebracht, die in einem Restaurant arbeitete und über das Leben hier berichtete. Deutsch konnte Martina zwar überhaupt nicht, aber "ein Kellner braucht nur ein paar Sätze, grüßt und nimmt die Bestellung auf", erzählt sie. Und man lernt natürlich.

"Einmal hat jemand eine Leberkäsesemmel mit Senf bestellt. Ich wusste aber nicht, was Senf ist, ich kannte nur Ketchup."

Wien war etwas Neues für sie, eine Großstadt. "Ich habe mich anfangs verlaufen", sagt sie. "Und eigentlich mag ich gar keine Großstädte." Der Verdienst, die Möglichkeiten waren in Wien aber andere, bessere. Andererseits war da das Heimweh. "Die Familie hat mir gefehlt, auch das slowakische Essen. Ich habe hier nur Pizza gegessen." Nach zwei Jahren ging Martina wieder zurück nach Hause. "Aber dann war mir dort nur fad." Also wieder Wien.

Martina war früh dran, quasi eine Pionierin. Sie arbeitete in verschiedenen Jobs in der Gastronomie, im Service, der Küche, in einem Hotel sogar als Zimmerdame. Fast immer war sie zufrieden mit ihrer Stelle, den Kollegen und der Bezahlung. Als 2011 die Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für die neuen Mitgliedsstaaten zur Gänze fielen, wuchs dann Wien immer schneller, seit damals um rund 250.000 Menschen, oder, anders formuliert: um Graz.

Der Großteil davon betrifft Zuwanderung aus anderen EU-Staaten, vor allem aus Deutschland, Ungarn, der Slowakei sowie zuletzt aus Rumänien und Bulgarien. In der Gastronomie ist diese Gruppe nicht mehr wegzudenken. Noch 2008 waren in dieser Branche 3000 Personen aus anderen EU-Staaten in Wien unselbständig beschäftigt, zuletzt waren es 10.000, also mehr als das Dreifache. Dennoch ist die Zahl der österreichischen Beschäftigten kaum gesunken, es hat also eine massive Ausweitung des Angebots gegeben. Und das ist auch nicht zu übersehen auf Wiens Straßen.

Diese Dynamik stellt die Stadt aber auch vor große Herausforderungen. Im Stadtentwicklungsplan 2005 wurde selbst beim Extremszenario geschätzt, dass Wien im Jahr 2020 etwas über 1,75 Millionen Einwohner zählen würde. Das Jahr 2020 ist noch immer nicht erreicht, doch die Hauptstadt steuert bereits jetzt zielsicher auf 1,9 Millionen Einwohner zu.

In Wien hat sich wahnsinnig viel verändert. Wie ich hergekommen bin, war die Stadt nicht so voll", sagt sie. Es gebe viel mehr Ausländer, auch Menschen mit anderer Hautfarbe wären ihr vor zehn Jahren nicht so viele aufgefallen. "Vielleicht war es früher langweilig, jetzt ist es aber vielleicht schon übertrieben", sagt sie.

Auch für sie persönlich hat sich einiges geändert seither. "Alles ist so teuer geworden, aber die Stundenlöhne sind gleich geblieben." Mehrmals ist sie innerhalb von Wien umgezogen, auf dem privaten Markt könne sie sich heute aber keine Wohnung mehr leisten, meint sie, vor zehn Jahren sei das noch anders gewesen. Seit neun Jahren ist Martina alleinerziehende Mutter, das hat vieles verändert und einiges erschwert.

Als Martina damals in Karenz gehen wollte, zeigte sich, mit welchen Schwierigkeiten Menschen konfrontiert werden, wenn sie ihr Recht auf Freizügigkeit wahrnehmen. Um das Karenzgeld zu beantragen, braucht es eine Geburtsurkunde des Kindes – logisch. Das Kind wurde in Wien geboren, allerdings ist die Staatsbürgerschaft des Kindes, wie jene der Mutter, slowakisch. Sie musste also die Geburtsurkunde von einem Übersetzungsbüro ins Slowakische übersetzen lassen, um dann auch eine slowakische Geburtsurkunde zu erhalten. Und diese musste dann wieder zurückübersetzt werden, damit die österreichischen, fürs Karenzgeld zuständigen Behörden, dieses genehmigen. Und natürlich musste die Übersetzung ein anderes, in Österreich akkreditiertes Büro tätigen. Eine kafkaeske Episode.

Als EU-Bürgerin darf Martina grundsätzlich nicht schlechtergestellt sein als österreichische Staatsbürger. So hat sie auch nach einiger Zeit eine Gemeindewohnung beziehen können, in der sie nun mit ihrem Sohn wohnt. Das hat das Leben für sie erleichtert. Doch sie hat derzeit keine Arbeit mehr und sucht seit geraumer Zeit eine neue Stelle, würde sich auch gerne weiterbilden. Am Tag des Interviews hatte sie bei der Arbeitsmarktberatung der Caritas einen Termin vereinbart. Auch das ist Wien. Das Arbeitskräfteangebot ist in den vergangenen Jahren noch stärker gewachsen als die Nachfrage.

Und in der Gastronomie, in der Martina bisher gearbeitet hat, wird meistens eine Anwesenheit am Wochenende verlangt, was für eine Alleinerzieherin aber kaum zu organisieren ist, zumal die Familie noch in der Slowakei ist. Eine Freundin hat zwar geholfen, doch Martina würde am liebsten in einen technischen Beruf wechseln.

Und wenn sie nichts findet? Zieht sie weiter? "Wenn, dann nur zurück in die Slowakei. Aber dort ist es auch so teuer geworden, und die Gehälter sind noch viel niedriger."

Und dann ist da noch etwas. Mittlerweile hat Martina aus Nitra nicht ganz die Hälfte ihres Lebens in Wien verbracht. "Ganz ehrlich. Wien ist für mich jetzt so etwas wie meine Heimatstadt geworden."

Manfred Kainz, Stainz

Auf die Idee, Berater für den optimalen Einsatz von Werkzeugen zu werden, kam Manfred Kainz noch vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. - © Rosner
Auf die Idee, Berater für den optimalen Einsatz von Werkzeugen zu werden, kam Manfred Kainz noch vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. - © Rosner

Es sind die Tage der "Intertool", einer Messe für Fertigungstechnik der Metallindustrie. Manfred Kainz sitzt vor einer größeren Maschine, in der zu Schauzwecken ein Metallteil gefräst wird. Das schrille Geräusch fährt einem direkt in die Wirbelsäule. Vermutlich hören sich so auch diese riesigen Bohrer beim Zahnarzt an, die hoffentlich nur zur Abschreckung dort hängen. Kainz horcht kurz auf, er sagt schwärmend: "Das ist Musik in meinen Ohren."