Dazu muss man verstehen, dass Manfred Kainz ein Unternehmen aufgebaut hat, das Fertigungsbetriebe darin berät, welche Werkzeuge sie am besten kaufen sollen. Seine Firma serviciert sie auch und unterstützt sie, den Verschleiß so gering wie möglich zu halten und effizient zu produzieren. "Wir helfen den Kunden, ihren Profit zu erhöhen", sagt Kainz. Wenn irgendwo irgendwas gefräst wird und das schrille Geräusch durch die Werkshalle tönt, denkt Kainz also auch ans Geschäft.

Seine Firma TCM (Tool Consulting & Management) trägt auch das Beiwort "International" in ihrem Namen. Kainz ist in rund 30 Ländern tätig, darunter in fast einem Dutzend EU-Staaten. Sein Betrieb beschäftigt weltweit 500 Menschen, mehr als 100 arbeiten am Firmenstandort in Stainz, einer Marktgemeinde im Bezirk Deutschlandsberg, etwa eine halbe Autostunde vom Grazer Zentrum entfernt.

Durch die Verwendung der optimalen Werkzeuge und deren Servicierung können die Produktionsbetriebe, viele aus der Automobil- und Zuliefererbranche, ein paar Prozent einsparen, ein paar Euro pro produziertem Teil gehen davon an TCM. "Mir ist gar nichts anderes übriggeblieben als zu internationalisieren", sagt Kainz. Es sollte daher nicht verwundern, dass sich bei der Erwähnung der Europäischen Union ein Leuchten in den Augen des Unternehmers einstellt wie beim Genuss seiner, nun ja, "Lieblingsmusik".

Vor Jahrzehnten war die steirische Wirtschaft noch geprägt von der Schwerindustrie im Mur-Mürztal. Sie bot zigtausenden Menschen Arbeit, doch sie war in erster Linie Grundstofflieferant. Andere Länder konnten günstiger produzieren, und so verlor diese Industrie nach und nach an Bedeutung. "Wir hatten keine Wertschöpfungskette", erzählt Kainz, der Mitte der 80er-Jahre mit seiner Frau den Werkzeughandelsbetrieb, den sein Großvater gegründet hatte, übernahm.

Die Steiermark schaffte einen bemerkenswerten Strukturwandel, für die exemplarisch der Mobilitäts-Cluster mit fast 300 Unternehmen, einem Gesamtumsatz von mehr als 15 Milliarden Euro und einer außergewöhnlich hohen Exportquote steht. "Der Bezirk Deutschlandsberg war nirgends", sagt Kainz. Dann kam 1995 der EU-Beitritt, heute hat der Bezirk das dritthöchste Pro-Kopf-Einkommen in der Steiermark. Etwa die Hälfte der Wertschöpfung sind dem produzierenden Gewerbe und der Industrie zuzurechnen. "Das wäre ohne Europa nie gelungen", sagt Kainz.

Auf die Idee, den Einsatz von Werkzeugen zu optimieren, kam er noch vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. Kainz hatte erst nach Ungarn expandiert, auch nach Polen. An einem Beispiel erzählt er, welche Bedeutung die Europäische Integration für einen Unternehmer wie ihn hat. "Es kann sein, dass wir mit einem Werkzeug sehr schnell nach Polen fahren müssen. Da darf man nicht an der Grenze stehen." Nur wegen der EU, da ist sich Manfred Kainz sicher, "waren wir in der Lage, so zu wachsen". Und dieses unternehmerische Urbedürfnis stand auch zu Beginn seiner Tätigkeit: größer werden, stetig wachsen. Aber nicht nur des Selbstzwecks wegen: "Das Wichtigste sind die Arbeitsplätze", sagt er.

Fast gleichzeitig mit dem EU-Beitritt begründete sich der steirische Mobilitätscluster (damals: Autocluster Steiermark), Kainz war sein erster Geschäftsführer. Von 60 Unternehmen ist er mittlerweile auf rund 300 angewachsen, sie bieten 55.000 Menschen eine Beschäftigung. Die Vernetzung der Unternehmen, die gemeinsame Vermarktung erwiesen sich als goldene Idee, zumal der Cluster eine Schnittstelle zu Bildung und Forschung stellt.

Manfred Kainz wischt ein paar Mal über sein Tablet. Dann hat er die gesuchte Grafik gefunden. Und wieder leuchten die Augen. Und diesmal liegt es nicht an der Metallfräse, auch wenn diese noch immer schneidet und schrillt. Die Grafik zeigt die Quoten für Forschung & Entwicklung von Regionen in Eu-

ropa. Ganz rechts ist das steirische Wappen zu sehen, mit einer Quote jenseits der fünf Prozent. Dann kommt länger nichts. Die Steiermark liegt mit Abstand auf Platz eins.

Auch dazu hat die EU verholfen. Bei der Schaffung des Technologiezentrums TEZ, das gleich neben dem TCM-Firmenstandort liegt, halfen auch EU-Fördermittel mit. Seine Aufgabe ist es, neue Betriebe anzusiedeln, 25 sind es schon geworden. Und hier wird auch in Kooperation mit Forschungseinrichtungen angewandte Entwicklung betrieben. Kainz investiert aber auch direkt in die Ausbildung von Mitarbeitern, zahlt Stipendien und ermöglicht ein gleichzeitiges Studium neben der Arbeit im Betrieb.

In der steirischen Industrie gibt es einen regen Wettbewerb um Fachkräfte, seit Jahren begleitet auch der Begriff des Fachkräftemangels die politische Debatte. Kainz hatte es sogar für einige Jahre in die Politik gezogen, er war Landtagsabgeordneter der ÖVP, dann ging er aber vorzeitig. Er war gegen die Gemeindefusionen der Landesregierung. Beim Thema Fachkräftemangel lächelt der Unternehmer nur milde. "Wissen Sie", sagt er, "schon mein Großvater hat immer geklagt, man bekomme keinen g’scheiten Leut." Dank der EU steht den Betrieben in der Steiermark theoretisch der gesamte EU-Arbeitsmarkt zur Verfügung. Freilich, die spezifische Ausbildung ist nicht überall auf dem österreichischen Niveau. Dennoch beschäftigt auch TCM Arbeitskräfte aus Ungarn, Polen, Deutschland, sogar aus dem Iran, wo das Unternehmen ebenfalls tätig ist. Auf der anderen Seite sind auch Österreicher für TCM ins Ausland gegangen.

Die Europäische Integration hat Manfred Kainz dabei geholfen, seinen Traum zu verwirklichen, zu wachsen, Menschen Beschäftigung zu bieten. "Das Schönste ist", sagt Kainz, "dass ich als geborener St. Josefer, der links und rechts Scheuklappen hatte, kaum Englisch konnte, die Welt gesehen habe, dass ich mich so toll entwickeln konnte." Er erzählt von seinen Reisen rund um den Globus, von seinen Treffen mit indigenen Völkern in Brasilien und Australien, seiner Faszination für den Iran, seinen Freundschaften zu Vertretern aller Glaubensgemeinschaften. "Ich fahre heute durch Europa, ich muss kein Geld wechseln. Ist das nicht fantastisch?"