Brüssel ist keine geordnete Stadt, sondern mehr eine ständige Baustelle. Ein passendes Symbol für den Zustand und dem steten Wandel der EU. - © Irma Tulek
Brüssel ist keine geordnete Stadt, sondern mehr eine ständige Baustelle. Ein passendes Symbol für den Zustand und dem steten Wandel der EU. - © Irma Tulek

Was für ein Tanz um das Ei. Jahre hat es gedauert, das Ratsgebäude im Brüsseler EU-Viertel zu errichten; zig Millionen Euro mehr hat es gekostet, als ursprünglich geplant war. Nun steht es da, das Haus am Schuman-Platz: 2009 wurde das Projekt bewilligt, 2011 war Baubeginn, 2016 die Fertigstellung und im Jänner 2017 die erste Ministersitzung. Ein paar Monate später wurde das Gebäude übrigens evakuiert, weil aus einer Küche giftige Dämpfe entwichen waren.

Mehr als 300 Millionen Euro hat das gekostet, was Medien zu Beginn "Van Rompuys Ei" getauft haben. Herman Van Rompuy leitet zwar schon lange nicht mehr als EU-Ratspräsident die Gipfelsitzungen der EU-Staats- und Regierungschefs, sondern hat die Funktion an Donald Tusk übergeben. Aber das Haus wird weiterhin wie ein Ei aussehen, das am Abend sein Licht durch tausende kleine Scheiben ausstrahlt. Das vasenförmige Innere ist nämlich von einem gläsernen Kubus ummantelt, der wiederum von Holzfensterrahmen durchbrochen ist. Und die wurden aus allen Mitgliedstaaten der EU in die belgische Hauptstadt gebracht.

Van Rompuys Ei

Das Gemisch von Stilen, die Herkunft aus verschiedenen Ländern ist für das zweisprachige Brüssel ebenso typisch wie das Gewirr aus Akzenten und Tätigkeiten sowie das Chaos. Brüssel ist keine geordnete Stadt. Auch wenn das Schlagwort von der ständigen Baustelle wie ein aufgelegtes Symbol für den Zustand und Wandel, die Krisen und Erfolgsgeschichten der Europäischen Union wirken könnte – es ist wörtlich zu nehmen. Das Schild am Eingang zur U-Bahn am Schuman-Platz, an dem das Kommissions-, das Rats- und andere EU-Gebäude stehen, informierte noch im Vorjahr darüber, dass die Bauarbeiten in der Station Mitte 2015 beendet sein sollen. Im Herzen der Altstadt, am Großen Platz mit seinen mit Gold und Stuck prunkenden Häusern, die von der barocken Pracht der Bürger und Zünfte erzählen sollen, ist so gut wie immer eine der Fassaden hinter einem Gerüst versteckt. Das Kopfsteinpflaster, in das ein Loch gerissen wird, kaum dass ein anderes gestopft wurde, ist ein Fluch für jeden Stöckelschuh.

Einen Generalplan zur Sanierung gibt es nicht. Jede der 19 Gemeinden verwaltet sich selbst, eine einheitliche Stadtplanung fehlt. Es ist sogar schwierig, auch nur einen Straßenzug zu finden, wo nicht die unterschiedlichsten Baustile vertreten sind: Ein Jugendstil-Prunkstück steht neben einem schäbigen Mietshaus, das sich an einen mehrstöckigen Wohnblock aus den 1960er Jahren lehnt. Dazwischen die Glas- und Betonschluchten der EU-Büros.