Überall Soldaten

Doch etwas ist neu an dem Stadtbild – und gehört seit zweieinhalb Jahren ebenso dazu. Es ist die Anwesenheit von Soldaten, die mit dem Gewehr im Anschlag vor Regierungs- und Botschaftsbauten stehen, durch die Straßen patrouillieren oder auch manchmal mit einem Sandwich in der Hand und miteinander scherzend zwei Stationen mit der U-Bahn fah-ren. Militärfahrzeuge an Straßenkreuzungen, Polizeirazzien, Sirenengeheul: Auch das gehört nun zum Brüsseler Alltag. Nicht erst seit März 2016, als auf dem Flughafen und in der Metro Menschen bei Terroranschlägen starben. Schon ein paar Monate zuvor, nach den Attacken in Paris, wurde die Alarmstufe auch in Belgien erhöht, weil Spuren von Terroristen dorthin führten. Auf einmal erlangte ein Stadtviertel unfreiwillige Berühmtheit: Molenbeek, eine Gegend mit einem großen Anteil an muslimischer Bevölkerung, die unter anderem als Rückzugsort und Ausbildungsstätte für einige islamistische Gruppen gilt. Es ist eine Parallelwelt, die den meisten Bewohnern Molenbeeks selbst alles andere als geheuer ist.

Parallel zueinander leben aber auch andere Gemeinschaften, Sprachgruppen, Viertel. Da ist die EU-Welt mit ihren Institutionen, Beamten, Praktikanten, Journalisten, Geschäftsleuten. Da sind die flämischen Beisln, in denen es einfacher ist, ein Bier auf Englisch als auf Französisch zu bestellen. Da sind die Touristenscharen rund um den Großen Platz. Und jene Gegenden, in die sich Gäste seltener verirren und in denen Flamen oder Wallonen auch schon nicht mehr in der Mehrheit sind.

Mehr als ein Viertel der Einwohner Brüssels stammen nicht aus Belgien. Manche Wahlbrüsseler sind aus der ehemaligen Kolonie Kongo eingewandert; es folgten Marokkaner und Tunesier. In den 1970er Jahren entstand eine portugiesische Gemeinschaft, auch zahlreiche Spanier kamen auf Jobsuche hierher. Rund um den Nordbahnhof ließen sich Türken nieder. In den Straßen unweit des wuchtigen Justizpalastes ist viel Polnisch zu hören. Die Betreiber der Night Shops, der in der Nacht geöffneten Greißlerläden, stammen oft aus Indien oder Pakistan.

Ein Gefühl der Entfremdung

Diese Vielfalt spiegelt sich wider in den Restaurants, die spanische oder indische Spezialitäten anbieten. In den ­Geschäften, in denen es polnische Wurst zu kaufen gibt. In den Kirchen, wo Messen in unterschiedlichen Sprachen gelesen werden. Und manches Mal in sozialen Spannungen und dem Gefühl der Entfremdung bei einigen Brüsselern aus belgischen Familien. Die Stadt prägen diese Menschen jedenfalls mehr als die EU-Arbeitsmigranten, von denen ein Teil sich nur in der eigenen EU-Blase bewegt.