Mit diesem gemeinsamen europäischen Bildungsraum möchte man vor allem "einen Raum für Erfahrungsaustausch" schaffen, sagt Andreas Schleicher, der bei der OECD Leiter des Direktorats für Bildung ist. "Jeder arbeitet so vor sich hin", sagt Schleicher, "dabei gibt es europaweit so viele unterschiedliche Ansätze im Bildungsbereich." Es gehe um die Erweiterung des Horizonts, um Vielfalt und um gemeinsame Ziele. Um Bereicherung – und nicht um Einschränkung. Denn: "Innovation entsteht nur dort, wo es verschiedene Sichtweisen gibt." Voraussetzungen dafür seien jedoch eine gemeinsame Sprache und das – auf Wissen basierende – Vertrauen in die Kompetenz der anderen Länder.

Schleicher begegnet damit den Kritikern von Bologna und Standardisierung, die diese als Korsett empfinden. Dabei habe die EU nicht einmal die Standardisierung der Abschlüsse auf Bachelor, Master und PhD vorgegeben, sagt er, das sei vielmehr die Entscheidung der einzelnen Universitäten. "Es soll nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben gehen. Was Bologna geschaffen hat, ist lediglich ein Referenzrahmen."

"Intellektueller Kahlschlag"

Bildungsexperte Stefan Hopmann kann diesem Rahmen dennoch wenig abgewinnen – vor allem nicht, was den Schulbereich betrifft. Denn die Pisa-Studien der OECD (internationale Schulleistungsuntersuchungen der 15-Jährigen) bilden gut ab, dass die europäischen Länder zwar ähnliche Lehrpläne haben, die Schüler aber dennoch je nach Region extrem unterschiedlich abschneiden. "Wie ein Lehrplan gelebt und verstanden wird, ist regional sehr spezifisch", sagt Hopmann. Und das sei gut so, meint er. Denn Schule brauche Spielraum.

"Schulen krampfhaft standardisieren zu wollen, ist schädlich für die Qualität des Unterrichts, des Lernens und damit für Europa." Allein die letzten drei, vier Wochen, die Schüler für einheitliche

Tests zur "Kompetenzorientierung" lernen, würden im gesamten Lernprozess fehlen und seien ein "intellektueller Kahlschlag". Schüler derselben Schulstufe hätten zudem einen schulfachlichen Abstand von bis zu drei Jahren. Alleiniger Gewinner sei die europäische Lehrmittelindustrie.

Im Hochschulbereich habe die neue Architektur mit Bachelor/Master/PhD sogar zum genauen Gegenteil des Erwünschten geführt: zu Mobilitätshindernissen. "Die Studierenden werden gezwungen, genau anzugeben, welche Vorlesungen sie in welcher Frist absolvieren. Dadurch können sie nicht einfach so an eine andere Uni wechseln", so Hopmann. Nicht intendierte Nebeneffekte wie diese seien oft dramatischer als gedacht.

Bologna "problematisch umgesetzt"

Auch Hochschulforscher Hans Pechar sieht Bologna "problematisch umgesetzt" – obwohl er die Idee dahinter grundsätzlich für gut hält. Das Problematische daran sei jedoch, wie die nationalen Akteure damit umgehen. In Österreich und Deutschland zum Beispiel werde der Bachelor als Zwischenabschluss gewertet, während er in anderen Ländern am Arbeitsmarkt anerkannter sei. Somit habe man es "geschafft, gleiche Credits, aber unterschiedliche Standards" zu schaffen. Pechar ist daher "sehr, sehr skeptisch", wie er sagt, wie weit eine Ausdehnung des europäischen Bildungsraumes auf den Schulbereich gelingen kann und wird.

Der große Mehrwert der EU-Bildungszusammenarbeit liege nicht in der Gesetzgebung, sondern im Erfahrungsaustausch der Mitgliedstaaten zur Umsetzung bildungspolitischer Vorhaben, kontert das Bildungsministerium. Von einer Vereinheitlichung der Schulsysteme könne keine Rede sein. Ziel sei es vielmehr, eine Reihe von Maßnahmen und Instrumenten auszubauen und zu stärken, die Kooperationen im Bildungsbereich ermöglichen, beziehungsweise Vergleichbarkeit zwischen den nationalen Bildungssystemen schaffen. Der Fokus liege dabei auf Transparenz und Qualitätsstandards. Eine vertiefende Diskussion dazu werde auf EU-Ebene unter dem österreichischen Vorsitz in der zweiten Jahreshälfte 2018 begonnen. Zu erwartende Vorschläge seien jener für eine "Empfehlung zur Förderung der automatischen gegenseitigen Anerkennung von Hochschulabschlüssen und Abschlüssen der Sekundarstufe II (Oberstufe, Anm.) und der Ergebnisse von Lernaufenthalten im Ausland" sowie der Aufbau eines Netzwerkes Europäischer Universitäten.