Brüssel/Wien. (wak) Rechnerisch ist die Wirtschaftsleistung von Frankreich diese Woche den Bach runtergegangen - will man einen zahlenmäßigen Vergleich bemühen. 2500 Milliarden US-Dollar sind auf dem Papier diese Woche vernichtet worden. So viel haben die Aktienkurse am globalen MSCI World Index - der Börsen-Benchmark für USA, Europa und Asien - in einer einzigen Woche verloren. Der EuroStoxx50 verbuchte mit seinem zehnten Tagesverlust in Folge die längste Negativ-Serie seiner Geschichte und markierte am Freitag mit 2346,29 Punkten ein Zwei-Jahres-Tief. Der DAX rutschte zeitweise um 4,1 Prozent ab - und erreichte ebenfalls ein Jahrestief. Die Wall Street und die asiatischen Börsen hatten teilweise ähnlich starke Kursverluste zu verkraften, wenngleich es am Freitag ein schwindelerregendes Auf und Ab gab. Kaum wurden die US-Arbeitsmarktdaten veröffentlicht, die besser waren als erwartet, zog der Kurs an. Bis es wieder hieß, dass die US-Daten noch weit nicht so gut wären, als dass man von einer Konjunkturerholung sprechen könnte.

Verstärkend auf die Kursbewegungen wirkten sich "Stop Loss"-Optionen bei den Banken aus: Viele Anleger beauftragen ihre Bank, ab einem bestimmten Tiefstand automatisch Aktien zu verkaufen. Die Spirale gewinnt damit an Eigendynamik.

Die Schar der Experten teilt sich in jene, die in den fallenden Aktienkursen eine kopflose und vernachlässigbare Markterscheinung sehen, und jene, die diesen "Schwarzen Freitag" als Vorboten einer neuen Rezession betrachten - des gefürchteten Double Dip, dem neuerlichen Absacken der Weltkonjunktur, die man 2009 und 2010 mit so viel Not, Mühe und Kapital versucht hat zu retten.

Der Grizzly erhebt sich zu voller Höhe - der Bärenmarkt ist gekennzeichnet von einer Abwärtsbewegung, als würde eine Bärenpranke auf die Kurse einprügeln. - © © DLILLC/Corbis
Der Grizzly erhebt sich zu voller Höhe - der Bärenmarkt ist gekennzeichnet von einer Abwärtsbewegung, als würde eine Bärenpranke auf die Kurse einprügeln. - © © DLILLC/Corbis

"Die massiven Kurseinbrüche erinnern stark an ein typisches Herdenverhalten", sagte Hans-Jörg Naumer, Kapitalmarkt-Analyst bei Allianz Global Investors. "Das ist immer das Signal einer massiven Übertreibung."

"Im Moment reflektieren die Börsen nicht die tatsächliche Entwicklung der Unternehmen - denn die sind in einer starken Position -, sondern die Umstände, unter denen die arbeiten", sagte Michael Diekmann, der deutsche Vorstandschef der Allianz Versicherung. Diekmann rechnet mit einer gegenläufigen Entwicklung, sobald die Rettung Griechenlands umgesetzt sei. Optimismus von Berufs wegen? Schließlich gehört die Allianz zu den größten Kapitalanlegern der Welt (Ende Juni verwaltete sie 1500 Milliarden Euro).

"Man darf Kurse nicht kurzfristig beurteilen"

Regine Prehofer, Vizerektorin der Wirtschaftsuniversität und langjährige Top-Bankerin, gibt sich optimistisch: "Börsen darf man nicht täglich beurteilen, sondern muss sich die Entwicklungen über einen jahrelangen Zeitraum ansehen", meint Prehofer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Kurzfristige Aktienkurse sind nur für Investoren interessant. Wirklich wichtig sei hingegen, dass Konsumenten und Unternehmen Vertrauen gewinnen. "Wirtschaft ist das, was die Leute machen. Und letztlich geht es um die Konsumenten und die Unternehmen."

Solange ein Unternehmen - oder ein Land - eine Überlebenschance durch Umschuldung, Restrukturierung, einen geordneten Ausgleich hat, müsse man diese ihm geben. Bei Griechenland wäre es etwa "kein Fehler gewesen, die Umschuldung schon früher durchzuführen". Wie sich die Lage in anderen Ländern der Eurozone entwickelt, sei schwer abzuschätzen, noch dazu da jedes Land unterschiedlich zu beurteilen ist. Aber: "Ein Land, und noch dazu ein EU-Land, wird immer überleben."

Der Markt würde sich zwar selber regulieren, doch "wenn man es aus politischen Gründen nicht will, dass Mechanismen greifen, muss man gegensteuern. Allerdings sollten Eingriffe das letzte Mittel sein."

Prehofer kann der Krise auch etwas Positives abgewinnen: "Ich glaube, dass alle Staaten nun die Alarmglocken läuten hören und ihre Verschuldung anders betrachten als noch vor einem Jahr." Das führe zu disziplinierterem Haushalten, um zukünftig Angriffe des Marktes abzuwehren.

Folker Hellmeyer, Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank, sieht nun die Politik in der Pflicht, die Märkte zu beruhigen: "Es hängt nichts mehr an der Wirtschaft. Was passieren wird, liegt jetzt an Brüssel, an Berlin, Rom, Athen."

Doch was können die Regierungen den Märkten noch entgegenhalten? Die offizielle Reaktion auf die Börsenkurse war, dass sich Frankreich, Deutschland und Spanien enger abstimmen wollen. Dazu sei zu Wochenschluss ein Telefonat des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem spanischen Regierungschef Jose Luis Rodriguez Zapatero geplant, teilte der Elysee-Palast mit.

Nicht nur bei den Investoren, auch bei den Politikern scheinen die Nerven blank zu liegen. Nachdem EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso in einem Brief über die Aufstockung des Euro-Rettungsschirms nachgedacht hatte, hagelte es relativ unverhohlen Kritik.

Der deutsche FDP-Fraktionschef und ehemalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle nannte Barrosos Brief "leichtfertig, unüberlegt und fahrlässig". Vertrauensbildende Maßnahmen sähen anders aus. "Hektisches Schwadronieren hilft kein Stück", so Brüderle zu "Bild Online".

Auch der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler fand gegenüber der DPA scharfe Worte Richtung Barroso: Dessen Vorstoß "kommt zur Unzeit". Habe man doch erst vor zwei Wochen beim Euro-Gipfel "weitreichende und gute Beschlüsse" gefasst.

Die Schuldenkrise in der Eurozone macht der Deutschen Bank mehr Sorgen als der Schuldensumpf der USA. "In Europa fehlt der Schulterschluss von Notenbank und Regierungen", brachte es Georg Schuh, Chef-Anlagestratege der Bank, auf den Punkt.