Der Doppelanschlag von Norwegen mit 76 Toten hat - ähnlich wie in Österreich ( siehe auch "Leitartikel Schluss mit dem Liebäugeln") - in vielen Ländern eine Diskussion über mögliche geistige Brandstifter ausgelöst. Die Kommentatoren fragen sich, ob die Rhetorik rechtsextremer und populistischer Parteien zum Schüren eines Hasses beigetragen hat, wie er sich in Anders Behring Breiviks Bluttat entladen hat. Andere sehen in ihm einen Psychopathen, der auch losgelöst vom politischen Umfeld gemordet hätte.

In Russland greifen Medien die Sicht des Attentäters auf, dass Europa von einer "islamistischen Eroberung" bedroht werde. Die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" zieht Parallelen zu Adolf Hitler, dessen Rassenideologie in Russland heute viele Anhänger habe. "Breivik hat die geheimsten Wünsche einiger seiner russischen Gefolgsleute erfüllt", kommentiert die Zeitung.

In Italien herrscht in der Presse eher die Idee vor, dass Breivik ein verrückter Einzeltäter sei. So meint etwa die linksliberale römische "La Repubblica": "Es wäre absurd zu behaupten, dass der Mörder mit einer Bombe und dem Schnellfeuergewehr Ideen herausragender europäischer Politiker ausgedrückt hat." Jedoch gebe es in Europa extremistische Ideen wie die von Breivik.

Bei der rechtspopulistischen Lega Nord stößt Breiviks Gedankengut nicht auf vollständige Ablehnung: Der für polemische Sprüche bekannte Europaparlamentarier Mario Borghezio erklärte im Radio: "100 Prozent der Ideen Breiviks sind richtig, manche sind sogar ausgezeichnet" - nicht ohne vorher das Massaker zu verurteilen.

In den Niederlanden kreist die Diskussion um die Partei für die Freiheit (PVV). Deren Vorsitzender, der Islamkritiker Geert Wilders, hat die Terroranschläge in Norwegen verurteilt und den Täter als "Wahnsinnigen" bezeichnet. Zugleich wies er am Dienstag jedwede potenzielle Mitschuld durch seine islamkritischen Reden zurück. Breivik hatte in seinem "Manifest" diese Reden zitiert. "Es erfüllt mich mit Abscheu, dass der Täter in seinem Manifest auf die PVV und mich verweist", erklärte Wilders.

In Polen schreibt die liberale Tageszeitung "Gazeta Wyborcza": "Das (Attentat) sollte vor allem eine Warnung an rechtsextreme Parteien und Organisationen sein, aus deren Ideologie Breivik mit vollen Händen geschöpft hat - die Englische Liga der Verteidigung, die niederländische Partei der Freiheit von Geert Wilders, die Schwedischen Demokraten oder die Partei der wahren Finnen".

Die polnische Linke rief die Regierung in Warschau auf, den Kampf gegen rechtsextreme Gruppierungen im Internet zu verstärken. Internetseiten von "Redwatch Polska" oder "Blood and Honour" seien weiterhin zugänglich, obwohl sie längst geschlossen werden sollten.

In Frankreich rückt die Front National ins Zentrum der Debatte. Die Partei habe mit ihrer ausländerfeindlichen Politik dazu beigetragen, den Nährboden für den Terror von Oslo zu schaffen, kritisierte die Anti-Rassismus-Initiative MRAP. Eine Gruppe führender Sozialisten schrieb, das Attentat von Norwegen zeige, wohin die "Hassreden" der Rechtsextremen führten. Das linksgerichtete Nachrichtenmagazin "Nouvelle Observateur" sieht in dem Attentäter von Oslo gar die "Verkörperung eines neuen Gespenstes, das in Europa umgeht". Die Front National selbst wehrte sich hingegen vehement gegen alle Vorwürfe, mit ihrer Politik Terroristen Vorschub zu leisten.

Der Außenminister von Tschechien, Karel Schwarzenberg, hat die Terrorakte als Taten eines psychologisch gestörten Einzeltäters verurteilt. Er sehe aber die Verbreitung verschiedener extremistischer Gruppierungen in der ganzen Welt mit Sorge, sagte er dem Nachrichtenportal aktualne.cz. Diese Aggressivität trete überall dort auf, wo es zu einer deutlichen Einwanderung aus einem anderen kulturellen Umfeld gekommen sei.

Die Wirtschaftszeitung "Hospodarske Noviny" sieht das anders: "Alles, was wir über Breivik erfahren, beweist, dass er morden würde, auch wenn es in ganz Europa keinen einzigen muslimischen Einwanderer gäbe."