"Wiener Zeitung" (klh): Berlin hat mit 13 Prozent die höchste Arbeitslosenrate in Deutschland, die Stadt ist mit 63 Milliarden Euro verschuldet. Trotzdem steht Bürgermeister Klaus Wowereit von der SPD vor der Wiederwahl. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Berliner Politologe Carsten Koschmieder.
Berliner Politologe Carsten Koschmieder.

Carsten Koschmieder: Wenn die Wähler gefragt werden, wen sie von den Spitzenkandidaten direkt wählen würden, dann liegt Wowereit dramatisch vorne. Das betrifft auch die Fragen nach Glaubwürdigkeit, Kompetenz oder Führungsstärke. Die Herausforderer, also vor allem die Grünen mit Renate Künast, haben wie die SPD sehr stark auf einen Persönlichkeitswahlkampf gesetzt. Damit konnte sich dieser Vorteil, den Wowereit in den persönlichen Werten hat, voll niederschlagen. Wenn es mehr um Themen gegangen wäre, hätten die schlechten Wirtschaftsdaten stärker ins Gewicht fallen können.

Woher rekrutieren sich die SPD-Wähler?

Die SPD ist in Berlin vermutlich die Partei, die es am stärksten schafft, Leute aus verschiedenen Klientelen anzusprechen. Die Grünen haben eine relativ klare Wählerschicht, die Linkspartei ist in Ostberlin stark, die CDU im Westen in den bürgerlichen Bezirken. Der SPD ist es mit Wowereit gelungen, dass sie überall recht erfolgreich ist.

Dabei lagen die Grünen ja zunächst noch in Umfragen gleichauf mit der SPD . . .

Künast hat gleich zu Anfang Fehler im Wahlkampf gemacht. Sie hat etwa Tempo 30 gefordert oder gesagt, dass sie nicht grundsätzlich gegen die Abschaffung von Gymnasien ist - und da ist der Widerstand in der Bevölkerung sehr groß. Die Personalisierung des Wahlkampfes hat auch nicht gut zu den Grünen gepasst.

Aber man muss das Auftreten der Grünen auch in richtige Relationen setzen: Die Grünen sind keine Volkspartei, die langfristig 25 bis 30 Prozent bekommt in Deutschland. Sie hatten jetzt aufgrund der Debatte über den Atomausstieg und über Stuttgart 21 einen extremen Höhenflug, was sich bei der Wahl in Baden-Württemberg niederschlug, wo sie jetzt mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten stellen. Nur wenn ganz spezielle Ereignisse zusammenkommen, können sie in Ausnahmefällen auf 25 Prozent kommen. Insofern ist es nicht nur Künasts Fehler, dass die Grünen jetzt um die 20 Prozent liegen. Das ist eigentlich ein gutes Niveau, auch wenn sie mehr schaffen hätten können.