Sarajewo. (czar) Belgien hat es schließlich auch geschafft. Mehr als ein Jahr nach den Parlamentswahlen kam dort eine Regierung zustande. Und in einem anderen Teil Europas zeichnet sich nach einem ähnlichen Zeitraum der gleiche Erfolg ab: In Bosnien-Herzegowina einigten sich die Parteien auf die Bildung einer Koalition.

Doch hatte dies der Balkanstaat ungleich nötiger. Das administrative Patt lähmte das Land nicht nur politisch, sondern vertiefte auch dessen wirtschaftliche Probleme. Ein Budget kam nicht zustande, ausländische Investoren blieben zurückhaltend, Hilfsmittel von EU und IWF (Internationaler Währungsfonds) konnten nicht ausgeschöpft werden. Überhaupt sind die Gespräche mit der Europäischen Union fast zum Stillstand gekommen. Denn um den Status eines EU-Beitrittskandidaten zu bekommen, müsste Bosnien-Herzegowina noch etliche Reformen in die Wege leiten.

Nun ist doch eine neue gesamtstaatliche Regierung in Sicht. Monatelang rangen sechs Parlamentsparteien - bosniakische (muslimische), bosnisch-serbische, kroatische und multiethnische Fraktionen - darum, wer das Amt des Premiers besetzen soll. Die kroatische HDZ hat den Posten gleich nach der Wahl für sich beansprucht, obwohl die Sozialdemokraten von der SDP und die bosnisch-serbische Partei SNSD beim Votum die meisten Stimmen erhalten hatten.

Jetzt schlug die HDZ ihren Funktionär Vjekoslav Bevanda für das Amt des Ministerpräsidenten vor. Der lange Zeit im Banksektor tätige 55-jährige Finanzexperte aus Mostar war schon einmal - als Finanzminister - Mitglied einer Regierung. Jedes der drei Staatsvölker soll in der neuen Koalition mit jeweils drei Mitgliedern vertreten sein. Die Leitung des Außenamtes könnte dem SDP-Vorsitzenden Zlatko Lagumdzija zufallen.

Schwache Staatsführung, starke Landesteile

Die Besetzung von Posten nach ethnischen Kriterien hat in Bosnien großes Gewicht. Serben, Kroaten und Bosniaken achten darauf, dass der jeweils anderen Gruppe nicht allzu viel Macht zufällt. Hinzu kommt das Misstrauen gegen die gesamtstaatliche Regierung, die vor allem in einem Landesteil, in der Republika Srpska, groß ist. Dort denkt der Präsident und einflussreiche Vorsitzende der SNSD, Milorad Dodik, auch schon ab und zu laut über eine Abspaltung von dem ungeliebten Staatenbündnis mit der bosniakisch-kroatischen Föderation nach, einer international aufgesetzten Konstruktion nach dem Friedensabkommen von Dayton 1995.

So wird auch die neue Koalition in Sarajewo schwach bleiben: Beide Landesteile haben nämlich ihre eigenen, in ihrer Region weit durchsetzungsfähigeren Regierungen. Die doppelten und dreifachen Verwaltungsstrukturen - was die EU als bürokratische "Hyperinflation an Zuständigkeiten" bezeichnet - machen die Entwicklung Bosnien-Herzegowinas nur schwieriger.

Dennoch lässt die Einigung auf eine gesamtstaatliche Regierung vage Hoffnungen schöpfen. Die EU-Außenpolitikbeauftragte Catherine Ashton und Erweiterungskommissar Stefan Füle zeigten sich erfreut und "ermutigt". Auch der internationale Bosnien-Beauftragte Valentin Inzko sprach von einem "positiven Trend", der allerdings fortgesetzt werden müsse. Die Koalition werde sich nämlich in den kommenden Monaten vielen Herausforderungen stellen müssen, wie der Annahme eines Haushalts oder der Erfüllung der internationalen Verpflichtungen des Landes, die unter anderem von der EU vorgegeben werden.

Die Regierungsbildung könnte jedenfalls ein Schub für die Annäherung Bosnien-Herzegowinas an die Union sein. Immerhin hat die EU-Kommission ein Finanzpaket in Höhe von 100 Millionen Euro blockiert, weil keine Koalition zustande gekommen war. Dies war auch für den IWF ein Grund, Darlehen einzufrieren. Auf Reformen drängen die beiden Institutionen seit langem.