Paris. Mit den Austern lief es wieder prima. Und das, obwohl ihr Preis kräftig anzog wegen eines Virus, der sie in diesem Jahr dezimiert hat. Doch Arnaud kann nicht klagen über das Feiertagsgeschäft. "Ich habe ja befürchtet, dass die Leute sich zurückhalten. Wir befinden uns in der Krise. Aber davon spüren wir nichts." So ist es kein Wunder, dass der Meeresfrüchte-Händler, der seine Ware auf dem Wochenmarkt in Paris verkauft, gut gelaunt ist. Oder doch?

Glaubt man Umfragen, so fällt Arnaud aus dem Rahmen. Nicht mit seiner positiven Geschäftsbilanz, die auch die Händler anderer Festtagsleckereien wie Trüffel oder Stopfleber teilen. Sondern weil eine internationale Erhebung die Franzosen erneut zu den Weltmeistern im Pessimismus gekürt hat: Vier von fünf Befragten sehen wirtschaftlich schwarz für 2012, und ganz besonders die französische Mittelschicht.

Zwar pflegen die Franzosen ihren Ruf als "râleurs", als ewige Nörgler. Neuerdings gibt es sogar eine Meisterschaft für diesen Volkssport. Und doch lässt sich die anhaltende Resignation nicht einfach als bloße landestypische Schrulle abtun. Das Klima der Zukunftsangst ist real.

Die Schuldenkrise im Euroraum hat es noch verstärkt. Mit der nachlassenden Wirtschaftskraft sinkt das Vertrauen in sich selbst, die Politiker und ganz konkret in Präsident Nicolas Sarkozy. Verdrossen gehen die Franzosen ins Wahljahr 2012. Bestimmt die "Königin der Wahlen", bei der im Frühjahr der neue (oder alte) Präsident gekürt wird, längst alle Debatten, so ist von Enthusiasmus wenig zu spüren. Und wie die Abstimmung auch ausgehen mag - der ersehnte Befreiungsschlag wird wohl ausbleiben.

Hoffnungsträger Strauss-Kahn stolperte über Sex-Affäre

Der letzte Mann, der den Franzosen als Hoffnungsträger neuen Mut machen konnte, war Dominique Strauss-Kahn: Als weltläufiger Ökonom galt der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) als idealer Kandidat der oppositionellen Sozialisten. Über Parteigrenzen hinweg genoss er Vertrauen, führte alle Umfragen an. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag im Mai, an dem ihm eine New Yorker Hotelangestellte Vergewaltigung vorwarf. Die große Bestürzung in Frankreich über die darauffolgende Verhaftung und Demontage des Starpolitikers, der im Anschluss in weitere Sex-Affären verwickelt wurde, erklärt sich auch durch die Lücke, die er hinterlassen hat. Es war nicht zuletzt eine Hoffnungslücke.

Dadurch haben sich Sarkozys Chancen auf eine Wiederwahl verbessert. Auch er konnte einmal viele Franzosen mitreißen, das war im Jahr 2007, als er einen Bruch mit dem alten, verkrusteten System ankündigte und Maßnahmen für mehr Kaufkraft sowie Arbeitsplätze versprach. "Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen", lautete sein Versprechen, das ihm heute vorgehalten wird. Denn er hat es nicht gehalten.

Die Wirtschaftskrise bedingt seine schlechte Bilanz mit: Mit fast 10 Prozent ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie seit 1999 nicht mehr, die Wirtschaft wächst kaum, die Rating-Agenturen drohen mit der Herabstufung der Bestnote AAA für die Kreditwürdigkeit angesichts der hohen Staatsverschuldung von 85,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Hinzu kommt die Kritik an Sarkozys Amtsstil, seinem Anbiedern an den Geldadel, der exzessiven Zurschaustellung seines Privatlebens, teils vulgären Beleidigungen von Bürgern. Skandale wie die Selbstbereicherung von Ministern und Schmiergeld-Vorwürfe trugen dazu bei, dass sich die Franzosen angewidert von ihren Regierenden abwandten - und der rechtsnationalen Front National zu, deren neue Vorsitzende Marine Le Pen mit ihrer pauschalen Anti-Haltung, ob gegen die Ausländer oder den Euro, punkten kann. Das Ruder herumreißen kann Sarkozy nur, indem er erneut einen Bruch verspricht - diesmal mit sich selbst. Er tritt nun zurückhaltender auf, zuletzt stiegen die Umfragewerte leicht an. Mit ihm ist noch zu rechnen.

Das weiß auch sein sozialistischer Hauptgegner François Hollande, der Strauss-Kahn nach dessen Ausfall plötzlich als neuer Hoffnungsträger ersetzen sollte. Doch die anfängliche Welle der Sympathie verliert an Kraft, ihm nagle es an Durchsetzungskraft und internationaler Erfahrung, lautet die Kritik. Zumal die Ansprüche hoch sind an einen neuen Impulsgeber und doch verlässlichen Präsidenten, der den Franzosen reinen Wein einschenkt. Und vielleicht die eine oder andere Auster dazu serviert.