Sarajevo. (da) Erst wurden sie Opfer von Vergewaltigungen, dann der Ignoranz staatlicher Behörden für ihr Schicksal. Bis zu 50.000 Mädchen und Frauen wurden während des Krieges in Bosnien und Herzegowina missbraucht, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik. Doch nicht einmal 40 Personen wurden bislang vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag oder vor nationalen Gerichten in Bosnien und Herzegowina aufgrund von Vergewaltigungsfällen angeklagt.

Willkürliche Verhaftungen, Verschleppung sowie sexuelle Versklavung und Folter standen während des Krieges in Bosnien und Herzegowina auf der Tagesordnung. Systematisch und wiederholt missbrauchten insbesondere Mitglieder der bosnisch-serbischen Armee und von paramilitärischen Einheiten gefangene Frauen. Einige von ihnen schildern ihre Leidensgeschichten in einem Bericht, der kürzlich von "Amnesty International" vorgelegt wurde.

Als das Heimatdorf von L., nahe Zvornik im Nordosten des Landes, von serbischen Paramilitärs besetzt wurde, floh die damals Schwangere und versteckte sich mit Dorfbewohnern für ein ganzes Jahr im Wald. Vor Erschöpfung verlor sie das Bewusstsein und wachte inmitten serbischer Soldaten in einem Spital auf. L. wurde im Krankenhaus derart gefoltert, dass sie ihr ungeborenes Kind verlor. Anschließend wurde sie in zwei Internierungslager gebracht und dort mehrfach vergewaltigt. Im Rahmen eines Gefangenenaustausches kam sie frei und kehrte ins bosnische Tuzla zurück.

Kein Platz für Aufarbeitung

Für viele vertriebene Muslime wurde Tuzla zu einer neuen Heimat, darunter auch einige Vergewaltigungsopfer. Die drittgrößte Stadt Bosniens kämpft wie das gesamte Land mit großen wirtschaftlichen und politischen Problemen; die Arbeitslosenquote ist mit 37 Prozent enorm hoch. Für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist kein Platz ebenso wenig besteht politisches Interesse. Erst im Jahr 2010 versprach die bosnische Regierung, ein "nationales Programm für Opfer von sexueller Gewalt während oder nach dem Konflikt" in die Wege zu leiten. Doch das Programm ist noch immer nicht fertiggestellt, geschweige denn umgesetzt; zahlreiche Täter liefen nach wie vor straflos herum, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung".

Die traumatisierten Frauen sind auf sich gestellt. Sie leiden oft unter schweren physischen und psychischen Problemen wie Depression und Angststörungen. Über eine Krankenversicherung, die den Frauen eine adäquate Behandlung ermöglichen würde, verfügen nur wenige. Oftmals wissen sie auch nicht um das Schicksal ihrer Angehörigen Bescheid.

Die von "Amnesty International" interviewten Opfer waren zum Zeitpunkt ihrer Vergewaltigung zwischen 14 und knapp 70 Jahre alt. Die Nichtregierungsorganisation fordert Bosnien zur Entschädigung und Wiedereingliederung der Opfer in die Gesellschaft auf.