Wien/Brüssel. Alle - na ja, fast alle - wollen "mehr Europa", aber keiner weiß, wie dies umgesetzt werden soll. Was den Ökonomen Schlagworte wie Eurobonds, Eurobills, Fiskalunion, oder Bankenunion sind, das ist den Politikwissenschaftern die Forderung nach einer europäischen Verfassung. Ginge es allein nach Politikerreden und Journalistenkommentaren, wäre der Fortbestand von EU und Eurozone längst gesichert.

So ist es aber nicht. Stattdessen erfolgt der Weg aus der Schuldenkrise im Schneckentempo - übersehene Abzweigungen und Sackgassen inklusive. Allerdings würde ein großer Umbau der EU-Strukturen Jahre in Anspruch nehmen. Zwar wälzt auch die EU-Kommission Pläne für eine verstärkte Integration innerhalb der Gemeinschaft, doch sind derzeit nur kleine Schritte absehbar.

Dabei war die sachliche Übereinstimmung auf Ebene der europäischen Bürokratie und nationalen Experten wohl noch nie so groß wie derzeit: Jeder weiß, was zu tun wäre, allenfalls über Detailfragen bestehen hier Auffassungsunterschiede von Relevanz; das Problem ist, dass sich diese Pläne nicht so leicht in der Politik umsetzen lassen.

Kein Wunder, dass das Interesse an einem neuen Konvent, der eine Änderung der EU-Verträge vorbereiten würde, begrenzt ist. Zu lebhaft sind die Erinnerungen an die mühsamen Arbeiten für den Lissaboner Vertrag, der erst vor eineinhalb Jahren in Kraft getreten ist, und das vorangegangene Scheitern des Verfassungskonvents. Ratspräsident Herman Van Rompuy ist denn auch keineswegs begierig, die bestehenden Abkommen neu zu diskutieren. Vielmehr plädiert er dafür, die rechtlichen Möglichkeiten auszunutzen. So hat der Lissaboner Vertrag die Option geschaffen, dass neun Länder gemeinsam eine Initiative zu einem bestimmten Thema - etwa Finanztransaktionssteuer - ergreifen und dieses so zu einer europäischen Debatte machen können. Auch der Fiskalpakt für mehr Haushaltsdisziplin ist nicht von allen Ländern angenommen worden.

Unterstützt wird Van Rompuys Zögern in der Frage eines neuen Konvents von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon mehrmals klargestellt hat, dass derartige Vertragsänderungen erst in ein paar Jahren machbar sind. Mit größerer Begeisterung nimmt da das Europäische Parlament den Minister-Vorstoß auf. Den Abgeordneten geht es darum, ihr Mitspracherecht zu stärken.